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Liberales Judentum · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 18

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 18 (sequence 18)
Language
German
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18 Rundschau: Kosen die liberalen Repräsentanten von ihrer Kandidatenliste. Die zionistische Ortsgruppe stellte außer den bisherigen konservativen Repräsentanten nur zionistische und einen neuen strengorthodoxen Kandidaten auf, während vor den Augen des „Verein zur Wahrung jüdischer Interessen" neben den konservativen und den zionistischen, auch 3 bisherige liberale Kandidaten Gnade fanden. Den zur Wahl stehenden Vorsitzenden des „verein liberaler Juden" halten selbstverständlich 'diese beiden verbündeten Organisationen von ihrer Kandidatenliste gestrichen. Die zionistische Ortsgruppe begann den Wahlkampf mit einem bereits am 25. Dezember \ty\2 in die Hände sämtlicher Gemeindemitglieder gelangten Flugblatt, welches, auch in der Form verletzend, die heftigsten Angriffe gegen die Liberalen richtete. In einer zionistischen Wahlversammlung am 28. Dezember v. I. sprach der Zionistenführer Dr. einrich Loewe-Berlin gegen die Liberalen, von der Absicht geleitet, den Wahlkampf möglichst abzukürzen, traten die liberale und konservative Kompromißpartei erst am Januar Ol3, drei Tage vor dem Wahltag, mit je einem Flugblatt auf den plan. Nunmehr folgte allerdings seitens aller Parteien Flugblatt auf Flugblatt, so daß bis zum Morgen des 7. Januar cr. fast jede Post den Wählern mindestens l. Flugblatt ins Haus brachte. Am Sonntag, den 5. Januar cr., Nachmittags, hielten die liberale und konservative Kompromißpartei ihre einzige Wählerversammlung ab, in der namens der konservativen Partei der Vorsitzende des Vorstandes der Synagogengemeinde Herr Israel Friedlaender unter Bezugnahme auf die geschichtliche Entwickelung der posener Gemeinde das zwischen Liberalen und Konservativen geschlossene Wahlbündnis verteidigte, während namens der liberalen Partei der Unterzeichnete deren ablehnenden Standpunkt gegenüber den Zionisten begründete. Am Abend desselben Tages sprach in einer zweiten Wählerversammlung der gegnerischen Parteien der Zionistenführer Rechtsanwalt Dr. Klee-Berlin. Da die bisherigen konservativen Repräsentanten vor: allen Parteien übereinstimmend als Kandidaten aufgestellt worden waren, so war der eigentliche Kampf im Wesentlichen nur zwischen Liberalen und Zionisten auszutragen. An der Wahl beteiligten sich etwa 8^°/o der in den Gemeindelisten eingetragenen Wähler, 920 von etwa H00. Auf die nur von der zionistischen Ortsgruppe bekämpften liberalen Kandidaten fielen 70\—709 Stimmen, auf den '.von der zionistischen Ortsgruppe und dem „Verein zur Wahrung jüdischer Interessen" gemeinsam bekämpften Vorsitzenden des Vereins liberaler Juden 656 Sttmmen, auf die nur von der zionistischen Ortsgruppe aufgestellten Kandidaten 206—2f9 Stimmen, auf die von der zionistischen Ortsgruppe und dem „verein zur Wahrung jüdischer Interessen" gemeinsam aufgestellten Kandidaten 287—3\S Stimmen. Von den für den Vorsitzenden des Vereins liberaler Juden abgegebenen 656 Stimmen rühren, hochgerechnet, \25 Stimmen von der konservativen Partei her, so daß der Liberalismus mindestens 530 Anhänger unter den 920 Wählern zählt und die Mehrheit der Gemeindemitglieder hinter, sich hat. Die liberale Partei in der posener Gemeinde dankt ihren Erfolg einer guten Organisation, einer rührigen Arbeit auch außerhalb der Wahlzeit, der gerechten, toleranten, aber festen Stellungnahme in allen Gemeindeangelegenheiten, vor allem aber der sieghaften Macht des religiösen Liberalismus, die besonders eindrucksvoll und erhebend auch auf der posener Tagung und Beratung über die „liberalen Richtlinien" in die Erscheinung getreten ist. Als ein Erfolg im Sinne der von diesen Richtlinien scharf betonten religiösen Einheit des Judentums darf auch 'die gemeinsame Arbeit mit den Konservativen, die den „liberalen Richtlinien" ablehnend gegenüberstehen, ängesprochen werden. Mögen diese konservativen Kreise zur Schließung des Wahlbündnisses mit den Liberalen auch durch die Erwägung veranlaßt worden sein, daß sie ohne dieses Bündnis die Wahl der diesmal nicht wenigen konservativen Kandidaten schwerlich erreicht hätten, mögen auch in Zukunft Versuche unternommen werden, die Liberalen bei späteren Wahlkämpfen wieder zu isolieren, der Liberalismus ist in der posener Gemeinde, wie die Tatsachen lehren, stark genug, sich auch gegen jedes Wahlbündnis zu behaupten und die Konsequenzen aus einer veränderten Situation zu ziehen. Dr. K a e m p f e r.

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