Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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« 0 0 o Rundschau: Posen 17 Geflügelhändlern und Fleischern der Geineinde die Bescheinigung des rituellen Schlachtens bloß deshalb vorenthalten wurde, weil sie sich mit ihrem Gewerbebetrieb nicht unter die Aufsicht des Gemeinderabbinats begeben hatten. Zu scharfen Gegensätzen führte auch der liberale Vorstoß gegen die in der Gemeinde kraft einer Anordnung des Gemeinderabbinats geltende Bestimmung, daß eingeäscherte Leichen, wenn überhaupt, so nur unter der Bedingung der käuflichen Erwerbung dreier Grabstellen auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt wurden, damit zu beiden Seiten der eingeäscherten Leiche nicht andere Bestattungen erfolgen können. Aber andrerseits hat die liberale Majorität eine Reihe bedeutsamer Aufgaben im Einklang mit der konservativen Minorität erfüllen können. Die seit 5 Jahren nicht vom Fleck gekommene Frage des Tempelbaues für die Israelitische Brüdergemeinde,, der fast alle liberalen Elemente der Gemeinde angehören, wurde einer, wenn auch nicht idealen, so doch befriedigenden Lösung entgegengeführt, das jüdische Krankenhaus wurde durch 'den Bau eines mit allen modernen Einrichtungen versehenen Infektionshauses erweitert und die umfangreiche Arbeit einer neuen seit sO Jahren geplanten Gemeindesatzung wurde in Angriff genommen und zu einem glücklichen Ende geführt. Daß die neue Gemeindesatzung in beiden Körperschaften einstimmige Annahme fand, ist ein Beweis für die Toleranz, mit der die liberale Majorität ihres Amtes gewaltet hat. Im Einklang mit der konservativen Minorität hat die liberale Majorität zahlreiche praktische Fragen der Gemeindeverwaltung gelöst, jüdische Wohlfahrtseinrichtungen und jüdischwissenschaftliche Bestrebungen gefördert. Bei alledem ist es ihr durch sparsame und gesunde Wirtschaftsführung möglich gewesen, nicht nur der bisherigen Steigerung der Gemeindesteuern Einhalt zu tun, sondern ihre allmähliche Herabsetzung durchzuführen. Angesichts dieser nicht zu verdunkelnden Sachlage hat der religiöse Liberalismus in unserer Gemeinde während der letzten Jahre erkennbar weitere Fortschritte gemacht, und — nicht zum wenigsten durch den erhebenden und glänzenden Verlauf der im Oktober des letzten Jahres in unserer Gemeinde abgehaltenen Tagung der „Vereinigung für das liberale Judentum" — neue Anhänger und Freunde gewonnen. Die Erkenntnis, daß der religiöse Liberalismus in hohem Maße das Interesse der Gemeindemitglieder an religiösen Dingen geweckt und nicht zerstörend, sondern belebend gewirkt hat, beginnt sich, in ehrlich konservativen Kreisen, wenn auch nicht ohne ein gewisses widerstreben, durchzusetzen. Die liberale Partei hätte daher, wenn es ihr nur auf die Dokumentierung ihrer Stärke angekommen wäre, ohne große Gefahr den Kampf bei der diesmaligen Repräsentantenwahl mit derselben Front wie vor 3 Jahren aufnehmen können. Die Absicht, der Gemeinde einen Wahlkampf von der verbitternden Heftigkeit wie vor 3 Jahren zu ersparen, der konservativen Minorität der Gemeindemitglieder eine angemessene Vertretung in der Repräsentanz zu gewähren und den Verrufserklärungen der orthodoxen Rabbiner in der Stadt der „liberalen Richtlinien" ein Stück praktischer gemeinschaftlicher Arbeit der verschiedenen religiösen Richtungen entgegen zu setzen, veranlaßte die liberale Partei, ein Wahlkompromiß mit denjenigen konservativen Elementen der Gemeinde abzuschließen, mit denen, wie die Erfahrung gezeigt hatte, eine erhebliche Wegestrecke gemeinsam zurückgelegt werden konnte. Da diese konservativen Elemente eine eigene, Wahlzwecken dienende Organisation nicht besitzen, so wurde das Wahlkompromiß vom Verein liberaler Juden und den liberalen Mitgliedern der Gemeindekörperschaften mit den sämtlichen konservativen Mitgliedern dieser Körperschaften dahin abgeschlossen, daß sämtliche ausscheidenden Repräsentanten, ohne daß es der Nominierung neuer Kandidaten bedurfte, zur Wiederwahl empfohlen wurden. Die Hoffnung, daß durch dieses Wahlkompromiß der Gemeinde ein heftiger Wahlkampf erspart werden würde, hat sich allerdings nicht erfüllt. Der „verein zur Wahrung jüdischer Interessen" und die „Zionistische Ortsgruppe" liefen Sturm gegen das Wahlkompromiß. Die konservativen Mitglieder der Gemeindekörperschaften wurden öffentlich des Verrats und der Unwahrhaftigkeit geziehen, weil sie mit den „Anhängern der neuen Religion, den Richtlinienliberalen" gemeinsame Sache gemacht hätten. In taktisch richtiger Würdigung der Situation strichen die gegnerischen 'Parteien aber nicht etwa die konservativen, sondern ausschließlich