Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126558-3126560--1347-3128157- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 Rundschau: Posen künstlichen Erweckung von Gegensätzen entgegenzutreten. * UnsreGesinnungsgenos sen aber rufen wir in dieser für den religiösen Liberalismus im Judentum entscheidungsvollen Zeit auf, unsere Reihen durch ihren Beitritt zu unserem Verein zu stärken und gemeinsam mit uns für religiöse Duldung, für den Frieden in der Gemeinde und für volle Gewissensfreiheit einzutreten. Eine Beitrittserklärung zur gefl. Benutzung liegt bei. DerVor st and desfr eisin nigenvereins für jüdisches Gemeindeleben i. A.: Dr. Arnold Baerwald, Vorsitzender. Dr. Erich Salfeld, Schriftführer. Air Rrpräsentantenwahlrn in Posen fanden am 7. Januar cr. statt. Sie dürften, da in dieser Gemeinde die „liberalen Richtlinien" wenige Wochen zuvor das Licht der Welt erblickt hatten und die Verhältnisse ähnlich wie in pofert in zahlreichen östlichen Gemeinden liegen, das besondere Interesse weiter Rreise beanspruchen. Das Bild, das sie boten, war interessant und eigenartig genug. Während draußen im Lande eine Verrufserklärung orthodoxer Rabbiner gegen die liberalen der anderen folgte, während die jüdische liberalfeindliche presse nicht müde wurde, in spaltenlangen Artikeln die „liberalen Richtlinien" als die Verneinung des Judentums zu denunzieren, verbanden sich in der Stadt der Richtlinien die Liberalen mit einem Teil der Ronservativen zum Rampf gegen den Zionismus und einen anderen Teil der Ronservativen. Um dies Bild verständlich zu machen, nruß mit einigen Worten auf die posener Parteiverhältnisse eingegangen werden. In Posen besitzen die Liberalen nn „Verein liberaler Juden", und die Zionisten in der „Zionistischen Ortsgruppe" eine festgefügte Organisation. Der „Verein zur Wahrung jüdischer Interessen" bezeichnet sich zwar als die lokale Organisation des traditionellen Judentums, in ihm haben indessen die zionistischen und jene orthodoxen Elemente, die sich im Lsaß gegen den Liberalismus nicht genug tun können, einen bedeutenden Einfluß, während ein großer Teil maßgebender konservativer Gemeindemitglieder sich diesem Verein geflissentlich fernhält. Dem diesem Verein fernstehenden Rreise waren sämtliche bisherigen konservativen Mitglieder der Repräsentantenversammlung und des Gemeindevorstandes züzurechnen. Vor 3 Jahren fochten im Wahlkampf die Liberalen allein geschlossen gegen die sämtlichen Schattierungen des Konservatismus und gegen die Zionisten. Nach einem Wahlkampf, der an Heftigkeit in der Geschichte der großen Synagogengemeinden kaum seines Gleichen hat, siegten bei einer Wahlbeteiligung von 93°A> der Wähler — zum ersten Male in der posener Gemeinde — die Liberalen, wenn auch mit geringer Majorität, und errangen damit eine Zweidrittelmehrheit in der Repräsentanz. Und siehe da, die Prophezeiungen, die man auf konservativer und zionistischer Seite vorher einer liberalen Herrschaft gestellt hatte, blieben aus. Die liberale Majorität, getreu den Grundsätzen des Liberalismus, bewies Toleranz und Achtung auch den Wünschen der Orthodoxie und schränkte keine Gemeindeeinrichtung, an der das Herz der Orthodoxie hing, ein. Sie mußte freilich zu wiederholten Malen gegen die konservative Minorität der liberalen Auffassung die Gleichberechtigung erkämpfen, die ihr bisher in der posener Gemeinde nicht immer beschieden war. Eines heißen Rampfes bedurfte es, um zu erreichen, daß für den jüdischen Religionsunterricht an den öffentlichen und privaten Unterrichtsanstalten der Stadt Posen von dem Vorstand der Synagogengemeinde nicht,- wie bisher, ausschließlich orthodoxe, sondern auch liberale Lehrer in Vorschlag gebracht wurden, nicht ohne daß wir das traurige Schauspiel erlebten, orthodoxe Heißsporne sich heschwerdeführend gegen die Beschlüsse der Gemeindekörperschaften an die staatliche Aufsichtsbehörde wenden zu. sehen, selbstverständlich erfolglos. Ein kräftiges Eingreifen der liberalen Majorität war erforderlich, um zu verhindern, daß jüdischen