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Liberales Judentum · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 10

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Gedichte eines deutschen Juden 0 0 0 0 große Folgen: Schon heute leben viele Angehörige der Separatgemeinden ganz unorthodox; künftig geschähe das noch viel mehr. Der Zuwachs der Orthodoxie infolge des Schismas wäre bald ein Nagel in ihrem eignen Fleische! — Würden denn aber überhaupt „die halben" in größerer Zahl zu ihr gehen? Ist es denn so, wie sie gern verkündet, daß die Liberalen nur „abgefallen aus Bequemlichkeit" sind, die. sich durch drohende Nachteile wieder einfangen lassen? Begreift sie denn noch immer nicht, daß auch „den halben" ein Prinzip den Rücken stärkt, das Prinzip der vorurteilslosen Wissenschaft? Daß vollends wir Bekenner der Richtlinien beim besten Willen vor unseren Gewissen nicht anders können als wir tun? — Das Aussprechen des Schismas selbst würde der Orthodoxie außerdem gerade bei den Leuten der mittleren Linie, die innerlich Rkänner des Friedens sind, alle Sympathien verscherzen! — Doch am schlimmsten stünde es um die wirklich Orthodoxen! Zn unsrer Zeit, wo selbst^ orthodox Erzogene nicht zurückzuhalten sind, Mischehen mit Christen einzugehen, und wo selbst zwischen den kirchlich gebundenen Konfessionen des Christentums zahllose Mischehen Vorkommen, — da würden zwischen zwei jüdischen Konfessionen Mischehen nie aufhären!! Die Zeiten kirchlicher Bindung sind eben unwiederbringlich vorüber, und am wenigsten sind sie in der freien Religionsgemeinschaft des Judentums wieder zu schaffen. Bindung schafft nur ein Glaube, der sich vor 'der Vernunft rechtfertigen kann. Zn solchem Glauben stimmt Liberalismus und Orthodoxie großen Teils überein. Lin Schisma auf andrer Grundlage aber ist praktisch nicht mehr durchführbar, und wer es schaffen will, verfällt unweigerlich dem Fluche der Lächerlichkeit, als mittelalterlich rückständiger Prinzipienreiter und Sonderbrödler! Und auch Lächerlichkeit tötet! Nicht gleich wird freilich die Orthodoxie aussterben! Zn der gesamten Weltgeschichte bleiben die überholten Formen noch lange Zeit neben den neuen Entwicklungsstufen bestehen! Aber als die alten, dem Untergang geweihten! Schafft jedoch die Orthodoxie das Schisma, so stirbt sie schneller; denn indem sie Kultus, Recht und Verbalinspiration zur Gewissensfrage erhebt, tötet sie das einzige aber ewige Prinzip der jüdischen Religion: die Einzigkeit des Gottes der Sittlichkeit. kinkekr unä jZbwekr. Gedichte eines deutfdien Juden von €mil Spiegel. I. Nicht zurück! Zurück zum Glauben? Nein und aber nein! Das Rad der Zeit läßt sich nicht rückwärts treiben; Wir wollen nicht zurück, nicht stehen bleiben, Vorwärts zum Glauben, soll die Losung sein. Das Doppelgeheimnis. Tausend Wunderfäden leiten Durch das weite Meer der Zeiten Rückwärts zu der einen Macht; Kann sie keiner je bestimmen: Zhres Glanzes Abglanz, glimmen .Tausend Feuer durch die Nacht. Doch des Lebens Bote gleiten vorwärts durch das Meer der Zeiten Nach verheißungsvollem Strand; Kann ihn keines je erreichen: Zhn verkünden tausend Zeichen, Und wir steuern unverwandt.

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