Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Ar. Fuchs: Schisma O o o Prinzipien besser festhalten zu können, als es die Orthodoxie heutzutage in vielen Kreifett tut; jedenfalls will der Liberalismus es festhalten! Demnach liegt auf liberaler Seite kein Grund zu einem Schisma vor! Betrachtet die Orthodoxie aber diese Unterschiede — die sich ja sämtlich auf den Kultus beziehen! — trotzdem als Grund zum Schisma, so nennt sie den Kultus tatsächlich Wesen der Religion; damit aber fällt sie auf die Stufe vorprophetischer Unreligion zurück und bricht so selbst den Stab über sich? Sind speziell „die Richtlinien" ein Grund zum Schisma? — Soweit sie zum ersten Male die genannten, seit einem.Jahrhundert vorhandenen Meinungen des Liberalismus in klare Sätze fassen, ist darüber eigentlich nichts mehr nötig zu sagen. War für die Orthodoxie ein Schisma nötig, so hätte sie es zu Mendelsohns. Zeit, oder zur Zeit der ersten Kultusreformen oder zur Zeit der ersten Rabbinerversammlungen schaffen müssen. Seit 50 Jahren ist es ohne diese furchtbare Kardinaltrennung gegangen, — warum soll es jetzt nicht mehr gehen? Der damalige Liberalismus war z. T. viel radikaler als der jetzige, — warum hat S. R. pirsch das Konnubium nicht verboten?! — Die Richtlinien sind aber geradezu am wenigsten geeignet, einen Grund für ein Schisma abzugeben! Sie wollen doch in den Indifferenten den Willen zur jüdischen Religion wieder erwecken! Diesen Willen zum Judentum hatte in ihnen vielfach gerade die Orthodoxie getötet, indem sie die falsche Meinung verbreitet hatte: nur die Orthodoxie sei das wahre Judentum; orthodox aber konnten jene nicht werden, ihrer ganzen Gesinnungsart nach, — da wurden sie eben indifferent. Nun wollen die Richtlinien den Weg weisen, wie man ein moderner Mensch und gleichzeitig ein guter Jude sein kann, — ist das ein Grund, dem Liberalismus schärfer als bisher entgegenzutreten? Glaubt die Orthodoxie denn im Ernst noch immer, sie könne das Rad der Zeit zurückdrehen und auch nur einen einzigen Indifferenten durch ihre Steifnackigkeit zurückgewinnen? Deshalb müßte sie doch, statt die Richtlinien zu begeifern, sie freudig begrüßen als eine Tat, die rettet, was zu retten ist, — als eine Tat im Sinne des „Gottesknechtes", der glimmenden Docht nicht ganz auslöscht, sondern noch den letzten Funken zu Hellem Feuer anzufachen sucht! Die Vabanque-j)olitik des „Alles oder Nichts" muß doch ms verderben führen! 5. Woher aber dann die Feindschaft gegen die Richtlinien? Sie sprechen zwei Prinzipien zum erstenmale unverhüllt aus, über die sich "die Liberalen selbst bisher vielfach nicht ganz klar gewesen sind. Wie jede der Öffentlichkeit verantwortliche Aussprache hat auch die Abfassung der Richtlinien selbst im eignen Kreise klärend gewirkt! a) Der Liberalismus des vorigen Jahrhunderts hatte das Prinzip nicht klar erfaßt, daß die Religion im Gemüt ihre stets frische Euelle hat. Unter der Einwirkung der jüdischen Wissenschaft hatte er nur zugegeben, daß die Geschichte Veränderungen hervorgebracht hat. „Geschichtliche Entwicklung" ist aber nur Negation des Stillstandes, kein positives Kriterium für das, was festzuhalten und abzustreifen ist. In der Verlegenheit darüber hatte man den traditionellorthodoxen Begriff der (nur aus der Verbalinspiration abzuleitenden) absoluten Autorität jedes Wortes der Bibel festgehalten: Rabbinisch-talmudische Verbote galten deshalb den meisten alten Liberalen als veränderlich, biblische nicht. Wir graben heute tiefer: Wir verwerfen den Talmud nicht, halten aber auch die biblischen Kultgesetze nur für formulierten Minhag. Denn wir haben erkannt: Die Wasserscheide zwischen Unantastbarem und veränderlichem liegt nicht in einem Zeitpunkt, dem Abschluß der Thora, sondern in