Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Fuchs: Schisma gesehene Institution der Rabbinerschaft darf — unter Bedingungen, die heute meist nicht mehr erfüllbar sind — und in nebensächlichen Beziehungen, einiges ändern. — Der Liberalismus glaubt an die geistige Offenbarung, nicht an die Wortinspiration, und kommt daher zu der Lehre: Die Form der Tora, der Text, ist Menschenwerk; die Autorität der Bibel ist also nicht die eines mathematisch-physikalischen Gesetzes, wie die Orthodoxie lehrt. Der Geist der Bibel ist Norm! b) Der Zweck jener orthodoxen Grundanschauung ist die Gleichschätzung von Kultus, Recht, Moral uüd den gesinnungsreligiösen Forderungen der Bibel. Tora und Talmudjudentum setzen tatsächlich diese alle gleich, — wenigstens betreffs ihrer verbindlichen Kraft. Schon früh machen allerdings in der Theorie die Gesetzeslehrer einen Unterschied: Der Kultus, so sagen sie, dient zur Heiligung, d. h. ist nicht Selbstzweck, sondern Erziehungsmittel, weg zur Moral und Gesinnungsfrömmigkeit. Das jüdische Recht vollends ist schon im dritten Jahrhundert für Staaten, die ein eigenes, geordnetes Rechtswesen besitzen, von Samuel aufgehoben. Diese Theorien setzt nun der Liberalismus in die 'Tat um: er ändert, hebt auf oder erweitert den Kultus da, wo er nicht mehr Hilfsmittel zur Moral und Gesinnungsfrömmigkeit ist. Dadurch macht er aber Ernst mit der Hauptforderung der Propheten, welche die Orthodoxie vergißt. Denn der Sinn der gesamten jDrophetenarbeit war ja, zu betonen: Religion ist in der Hauptsache Moral und fromme Gesinnung; eine Religiosität, die den Kultus in den Mittelpunkt rückt, nennt Jesaja Kapitel \ gradezu „Abfall von Gott." o) Die Gleich s ch ä tz u n g von Kultus, Moral und Recht führt in der Orthodoxie zu ihrer gleichen Behandlung: Der Kultus wird juristisch ausgebaut und behandelt: Für Kultusübertretungen werden Strafen festgesetzt, jeder Kultusbestimmung wird ihr Mindestmaß vorgeschrieben, und statt der Einwirkung aufs Gemüt tritt die Erfüllung dieser Maße in den Vordergrund des Bewußtseins. — Diese Verhältnisse kehrt der Liberalismus um. Er hält am Kultus fest, nicht nur aus jAetätsgründen, sondern wegen seiner Einwirkung aufs Gemüt, u. z. am althergebrachten jüdischen Kultus, weil dieser mehr derartige Einwirkung besitzt als irgend ein fremder Kultus, im ganzen aber, weil er ihn üben will, nicht weil er Ihn üben muß. Da aber der Kultus aus dem Gemüt stammt und auf das Gemüt wirken soll, so läßt sich ein gewisses Maß von persönlicher Freiheit nicht umgehen. So tritt an die Stelle des unabänderlichen Gesetzes der elastischere Begriff der Sitte, als welche eine Bindung, aber "keine absolute bedeutet: Nicht der Minhag wird als Din behandelt, wie es in der Orthodoxie geschieht, sondern der Din als Minhag. Denn sonst käme der Zweck des Kultus nicht zu seinem Recht: die Einwirkung aufs Gemüt hörte auf; — und besser, ein Teil des Kultus geht verloren, als der Gesamtzweck desselben! — Genügen diese drei Differenzen zu einem Schisma? Ich muß das ganz entschieden verneinen! Das Wesen des Judentums ist die Lehre von der Einzigkeit des Gottes der Sittlichkeit, sowie deren Folgerungen: universaler Messiasglaube, Optimismus, "Gotteskindschaft u. ä., ferner die Forderungen der Sittlichkeit und der Gesinnungsfrömmigkeit (Demut, Ehrfurcht, Sündenscheu, Gottesliebe usw.). Der jüdische Kultus ist als Gpferkultus und sonst in vielen Dingen fremden, selbst heidnischen Kulten zu allen Zeiten ähnlich gewesen; er kann schon deshalb nicht zum Wesen des Judentums gehören! Dies Wesen glaubt der Liberalismus durch seine