Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 5 (1913)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3126481-3126558-3126560--1337-3128147- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 Ar. Fuchs: Schisma Schisma. Von Rabbiner Dr. H.?ucb5-(bemnitz. on der Orthodoxie wird darauf hinge- | arbeitet, ein Schisma zwischen ihr und den Bekennern der Richtlinien zu schaffen. Demgegenüber halte ich es für meine Pflicht, folgendes zur Aufklärung der Oeffentlichkeit auszusprechen. \. Was bedeutet ein Schisma? Es bedeutet nicht bloß eine theoretische Uleinungsv er schied enh eit zwischen Geistlichen, sondern eine faktische Trennung zwischen zwei Richtungen einer Religionsgemeinschaft. Die faktische Trennung zeigt sich am Konnubium: Besteht ein Schisma zwischen zwei Religionsgruxpen, so haben deren Angehörige nicht mehr die Freiheit, sich selbst zu fragen, ob ihre Kinder untereinander heiraten sollen: das Schisma verbietet ihnen, diesen Gedanken überhaupt in Erwägung zu ziehen. Käme ein solches Schisma heute zustande, so entständen nicht auszudenkende, Jahrhunderte lange Streitigkeiten und Feindschaften in jeder Gemeinde, in jeder Familie, nicht nur der deutschen, sondern der gesamten Iudenheit! Gb eine durch keine kirchliche oder staatliche Organisation gestützte freie Gemeinschaft wie die Iudenheit eine solche generelle Vergiftung überstehen würde, ist sehr zweifelhaft. 2. wann ist ein Schisma berechtigt? Das zeigt folgende Erwägung: Das Judentum kann die Stammesgemeinschaft zu seiner Erhaltung nicht entbehren. Die Philosophenschulen oder die Sekte der Essäer, die nicht durch Kinder, sondern durch die stets von neuem einsetzende Werbearbeit für ihre Ideen sich erhalten wollten, sind zu Grunde gegangen. Daß Religions- und Stammesgemeinschaft zusammenfallen, ist auch nur natürlich: Denn jeder Vater, dem seine Religion mehr als ein oberflächliches Bekenntnis ist, dem seine Religion ein heiliges Gut ist, wird seine Kinder in dieser Religion erziehen. — Dadurch aber sind die Religionsgemeinschaften gezwungen, Ehen mit Angehörigen fremder Bekenntnisse zu verbieten; nicht zur Reinerhaltung des^ Stammes, sondern zur Erhaltung ^r Religion; nicht weil mit fremdem Blute fremde Lebensanschauungen kämen, sondern weil in der Rcischehe die fremde religiöse Denkweise die Kraft der eignen Ueberzeugung notgedrungen schwächt und meistens ganz vernichtet. Es ist daher auch berechtigt, daß eine religiöse Gemeinschaft das Konnubium mit einer Sondergruppe, Sekte oder dergl. aufhebt, — wenn diese sich so weit von den Anschauungen des Hauptstammes entfernt, daß in etwaigen Ehen ihr heiligstes zu Grunde gerichtet würde! 3. Ist zwischen Orthodoxie und Liberalismus im Judentum ein Schisma nötig? Das heißt, nach'dem Gesagten: wird einem orthodoxen Ehegatten sein heiligstes entrissen, der Grund seiner religiösen Welt- und Lebensanschauung wankend gemacht in einer Ehe mit einem Liberalen? Die Frage fällt also zusammen mit derandern: Berührt der Unterschied zwischen Orthodoxie und Liberalismus das Wesen des überlieferten Judentums? — Der Liberalismus verneint diese Frage. Die auf das Schisma hintreibende Orthodoxie bejaht sie. Um eine Entscheidung zu fällen, läßt sich eine kurze Erörterung der Unterschiede zwischen Orthodoxie und Liberalismus nicht vermeiden. In drei Punkten gehen sie auseinander: a) Die Orthodoxie glaubt an die übernatürliche, durch Wortinspiralion zustandegekommene Herkunft der Thora. Damit ist der Glaube verbunden, daß alle Gebote der Thora ewig unveränderlich giltig sind; — nur die im Gesetz selbst vor-