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Liberales Judentum · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 5

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Ar. Ginstern: Gibt es liberale Gemeinden? 5 Mer eine andere sehr wichtige Frage erhebt sich. Werden sich nun auch Gemeinden finden, welche die Richtlinien des liberalen Judentums offiziell anerkennen, welche, gestützt auf sie, ihre religiösen Einrichtungen treffen und damit verwirklichen nicht bloß was in den Richtlinien steht, sondern auch was den Anschauungen der meisten Gemeindemitglieder entspricht, ja von diesen seit langem befolgt wird, wenn sie nicht gar in ihrem religiösen Leben schon längst weit über die Forderungen der Richtlinien hinausgegangen sind? Daran krankt das liberale Judentum, daß ihm offiziell nicht die gebührende Stätte bereitet wird. So viele Gemeinden, deren Mitglieder in ihrem Leben in ihrer überwiegenden Mehrheit mehr als liberal sind, haben dieser Tatsache in der Gestaltung ihrer religiösen Einrichtungen nicht die geringste Rücksicht getragen. Der Gottesdienst z. B. entspricht nicht bloß nicht mehr dem Verständnis und den Anschauungen derer, die ihn besuchen, er ist auch nicht im Stande, diejenigen, welche ihm fern bleiben, weil er sie nicht, befriedigt, ihm zu gewinnen. Der Ividerspruch, in dem so viele liberale ^vuden sich 'in ihren Anschauungen und Ln ihrer Lebensführung mit den offiziellen Anforderungen und Einrichtungen finden, mußte sie selbst auf den Gedanken bringen, daß sie bereits außerhalb des Judentums stehen, ganz abgesehen davon, daß sie von vielen — und nicht bloß von solchen, die anders denken und anders leben — als außerhalb des Judentums stehend betrachtet werden. Das soll nun anders werden, und die liberalen Gemeinden, die als Gemeinden vom Liberalismus nur den Namen sich geborgt haben, aber in ihren Einrichtungen fast allen Anforderungen des althergebrachten Judentums entsprechen, die auch von ihren Rultusbeamten eine Lebenshaltung streng nach den althergebrachten religiösen Formen verlangen, sollen nun wirklichliberal werden. Denn — so seltsam es klingen mag — bis heute gibt es keine liberale jüdische Gemeinde, wohl aber viele jüdische Gemeinden mit liberal denkenden Mitgliedern, deren religiösem Liberalismus man es zumuten zu dürfen glaubte, daß sie sich eine fast orthodoxe Einrichtung der Gemeindeinstitutionen gefallen ließen. Liberal in jüdischen Dingen galt bis heute für gleichbedeutend mit gleichgiltig, indifferent und selbst die liberalste Gemeindeverwaltung wollte alles „orthodox" haben, damit sie gegen die einzige Seite, von der sie Angriffe zu befürchten hatte, gedeckt sei. Bisher redete man immer von der Verkümmerung der Rechte der orthodoxen Minorität; für die liberale.Majorität war nicht gesorgt. Die war ja auch so „tolerant", daß sie sich um nichts kümmerte und daß sie sich alles gefallen ließ. Die Vereinigung für das liberale Judentum, welche dieLrhaltung des Judentums und des jüdischen Lebens auf ihre Fahnen geschrieben hat, will diesen unwürdigen Zuständen ein Ende 'bereiten. Die liberalen Rabbiner haben Richtlinien aufgestellt, in denen der jüdische Liberalismus nach der Seite seiner „Südischkeit", die ihm immer bestritten wurde, unwiderleglich festgelegt ist und was die Gegner für ausgeschlossen, die Anhänger für unnötig gehalten .haben — eine Betätigung des Liberalismus gefordert wird. Nun soll endlich die liberale Majorität in den liberalen Gemeinden zu ihrem Rechte kommen; aber es ist auch in den Richtlinien dafür gesorgt, daß auch die nicht-liberale Minorität sich nicht zu beklagen hat. Werden die liberalen Gemeindeverwaltungen sich bereit finden lassen, auf Grund der Richtlinien liberale Gemeinden zu bilden?

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