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Liberales Judentum · 1913-01-01 · Heft 1 (Januar 1913) · p. Seite 4

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Journal
Liberales Judentum
Volume
5 (1913)
Issue
Heft 1 (Januar 1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Ar. Einstein Gibt rslibrralr Gemeinden? Gibt es liberale Gemeinden? von Dr. Cinftein-Candau (Pfalz). m 28. Mai in Berlin und am 2. September in Frankfurt haben die liberalen Rabbiner „Richtlinien des liberalen Judentums" beraten. ' In diesen sind die Grundsätze festgestellt, die für das liberale Judentum nach Der Ansicht seiner geistlichen Vertreter zu gelten haben und auf denen sich die fortschreitende Entwicklung des liberalen Judentums aufzubauen hat. wenn auch nach dem obersten Grundsatz eines jeden Liberalismus der Bewegung des einzelnen in Gesinnung und Tat ein möglichst hoher Grad von Freiheit gewahrt bleibt, so gibt es doch gewisse Wahrheiten, deren Anerkennung von jedem Anhänger dieses Liberalismus unbedingt gefordert werden muß. Denn Liberalismus ist nicht gleichbedeutend mit Willkür, Zügellosigkeit, Anarchie. Gerade in dem Prinzip der Freiheit liegt für den Liberalismus die Schwierigkeit, allgemein anerkannte und allgemein anzuerkennende Richtlinien aufzustellen, denen jeder sich fügen muß, der zu den Liberalen sich zählt und gezählt werden will. Dieser Schwierigkeit waren diejenigen sich wohl bewußt, welche die Ausarbeitung der „Richtlinien des liberalen Judentums" unternommen haben, diese Schwierigkeit kam bei der mündlichen Beratung gar vielfach zum Ausdruck. Aber es ist doch ein erfreulicher, ermutigender Beweis für die Lebensfähigkeit des Liberalismus, für die Begeisterung und die Gpferwilligkeit seiner Vertreter, daß eine Einigung über die Fassung dieser Richtlinien, erzielt wurde, daß diese Richtlinien einstimmig angenommen und damit als die Grundlage erklärt wurden, auf welcher die gemeinsame Weiterarbeit sich vollziehen muß. 'Rein verständiger wird verlangen, daß diese Richtlinien, die z u m e r st e n Male aufgestellt wurden, gleich bei ihrem ersten Erscheinen im Gewände der Vollkommenheit sich zeigen, daß sie erhaben über jeden Tadel seien und keiner Verbesserung mehr sich fähig erweisen, auch keine weitere Ausgestaltung durch Behandlung der Linzelfragen mehr bedürfen. Was so mancher vielleicht erwartet hat, daß die Richtlinien sich mit Einzelheiten beschäftigen würden, mit den einzelnen Bräuchen, Zeremonien Ritualien der jüdischen Religiondas war schon dadurch ausgeschlossen, daß sie zunächst nur die grundlegenden Sätze aufstellen wollten, das was sozusagen das Wesen des liberalen Judentums ausmacht. Gerade so gut wie viele in den Richtlinien zu wenig Forderungen aufgestellt finden werden, werden viele von einem liberalen Juden zu viel verlangt glauben. Aber auch das liberale Judentum kann nicht auf eine Betätigung des Judentums verzichten, sowohl seitens des einzelnen, als in der Familie und in der Gemeindet Diese Forderung ist neben den dogmatischen Anschauungen des liberalen Judentums in den Richtlinien zum Ausdruck gebracht. Daß diese Richtlinien nicht jüdisch sind, wenn sie auch mit dem orthodoxen 'Judentum nicht übereinstimmen, wird nicht behauptet werden, können. Den Vorwurf, daß sie liberal sind — wenn das überhaupt ein Vorwurf ist — lassen sie sich gern gefallen. Es wäre interessant zu erfahren, was die Gegner des Liberalismus mit all den Juden anfangen wollen, die nicht auf dexn althergebrachten Standpunkt stehen, aber doch als Juden sich fühlen, beim Judentum bleiben und ihr Judentum auch betätigen wollen. Diese als Abtrünnige zu bezeichnen, sie rettungslos verloren zu geben, das ist eigentlich kein Runststück, ebensowenig wie der Spott und der Hohn über die Bestrebungen des liberalen Judentums.

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