Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 286

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Date
1912-12-01
Page
Seite 286 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3126481-3126500-3126512--1318-3128127
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

286 Air Kosener Versammlung o O o o in sich oder an sich verspürt. Wer nicht orthodox und nicht national ist, der ist eben in seinen eigenen Augen liberal. Abgesehen von den prinzipiellen Gegensätzen, die zwischen dem liberalen Judentum und der Orthodoxie an sich "schon herrschen, wird in den Gemeinden das, was sich liberales Judentum nennt, auch ein Sammelsurium von ganz verschiedenen Richtungen darstellen, (Sehr richtig!) und wenn wir darauf ein Kompromiß schließen wollen, wenn wir etwas finden wollen, was allen diesen Anschauungen entspricht und gerecht wird, dann, meine Damen und Herren, stehe ich, und. ich glaube ein sehr großer Teil meiner Herren Kollegen, auf dem Standpunkte, es 'sei besser wir schaffen garnichts! Unsere Aufgabe kann doch nur sein, einen dicken, dicken Strich gegen diese Unbestimmtheit zu ziehen und das positiv religiöse liberale Judentum positiv darzustellen, es so gegen alle Verdächtigungen, gegen alle Mißverständnisse zu sichern, wie es nur gesichert werden kann. Und darum haben wir hier an dieser Stelle eine positive Aufgabe, eine positiv-religiöse Aufgabe, und wir können und sollen gar keine Rücksicht darauf nehmen, daß vielleicht vieles von dem was wir jetzt als Richtlinien aufstellen, in den ersten Tagen dem einen oder anderen nicht recht paßt, der vielleicht sagt, er sei aus einem anderen, aus einem vergangenen Geschlecht, er wolle und könne nicht mehr umlernen. Wenn er nur sagt, er wolle wenigstens, daß in Zukunft das Judentum, daß seine Kinder auf diesem positiven religiösen Standpunkt stehen sollen! Meine Damen und Herren, was bleibt denn schließlich an positivem übrig, wenn wir Rabbiner Richtlinien aufstellen, und wir dann nach dem Vorschläge des Herrn Justizrat Blau diese Richtlinien durch die Resolution jedes verpflichtenden Wertes für den einzelnen entkleiden, wenn wir dem einzelnen nur eine Richtung geben, von der wir sagen: „Wenn du sie hältst, so bist du ein ganz guter Jude, wenn du sie aber nicht hältst, bist du auch noch Jude!" Ls bleibt dann schließlich nichts vom Judentum übrig, als der Wille zum Judentum. Und dieser Wille ist häufig — das sei offen ausgesprochen —, eine Phrase! Der Wille zum Judentum allein ist absolut noch nichts positives; er kann erweckt werden durch äußere vorübergehende Dinge, und wenn diese verschwunden sind, so ist der Wille zum Judentum auch dahin gegangen. Darum, meine Damen und Herren, müssen wir unbedingt mit einem positiven Resultat von dieser Stelle hinweggehen. Und damit komme ich auf das Lntscheidenste! Herr Dr. vogelstein hat es schon ausgesprochen: Line Religion ohne Gott gibt es nicht! Man muß noch weitergehen und sagen, eine Religion ohne Glauben gibt es nicht. Und das allerwichtigste besteht darin, daß es eine Religion ohne persönliche Opfer Willigkeit, ohne das Linsetzen seiner Person für einen Standpunkt auch nicht geben kann. Und das, meine Damen und Herren, wir wollen es ganz offen aussprechen, unterscheidet ja viele Liberale von der Orthodoxie. So sehr wir die starre Orthodoxie auch verwerfen, was wir auch gegen sie Vorbringen mögen, sie bringt doch positive Opfer, vielleicht nicht nur aus rein religiösen Gründen, aber sie bringt sie jedenfalls! Meine Damen und Herren, es muß jeder Opfer bringen; denn das kann unsere Aufgabe nicht sein, den gegenwärtigen Zustand absolut mcht zu beeinflußen. Wir wollen nicht sanktionieren, sondern wir wollen in positivem Sinne ändern! Wir können es sehr wohl verstehen, daß heutzutage einer, der in allen Anschauungen ausgewachsen ist, sagt, den einen und anderen j)unkt der Richtlinien könne er für seine Person nicht akzeptieren, er entspreche seiner nach anderen Grundsätzen geleiteten Erziehung nicht. Das aber wollen und müssen wir verlangen, daß wenigstens das kommende Geschlecht nicht so erzogen werden darf, sondern daß es positiv zum mindesten auf den Grundsätzen des liberalen Rabbinerverbandes stehen muß. Meine Damen und Herren, die sind ja auch zum Teil ein gewisses Kompromiß. Ls ist manchem der Herren Kollegen sehr schwer geworden, einzelnes davon zu unterschreiben, aber sie haben im Interesse der religiösen Einheit dies Opfer gern gebracht. Und darum glauben wir, daß wir von der anderen Seite, den Laien, dasselbe verlangen können. Lin Nachschnüffeln, ob der einzelne den und den j)unkt auch hält, das wäre so unjüdisch, daß wir davon nicht sprechen wollen. Aber alle müssen anerkennen, daß in Zukunft das liberale

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.