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Liberales Judentum · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 285

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Date
1912-12-01
Page
Seite 285 (sequence 17)
Language
German
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Air Posener Versammlung 285 Gesinnungsgenossen abgeschüttelt zu werden, und das, trotzdem nach den Anschauungen der Orthodoxie das im Schulchan Aruch festgestellte .Religionsgesetz absolut verbindlich und unabänderlich ist. wir Liberalen aber erkennen die Möglichkeit von Abweichungen bei Aenderung der Zeiten und der Verhältnisse an. Lin Sichfestlegen könnte umgekehrt eine unerwünschte Stagnation herbeifnhren. Unter diesen Umständen schlage ich Ihnen als Punkt 2 und 3 der zu fassenden Resolution vor: Zweiter Satz: Die Vereinigung erachtet diese Richtlinien als geeignete Grundlage ihrer Arbeit in der Richtung liberaler Weiterentwicklung und wird hiernach ihre Tätigkeit kraftvoll entfalten. Dritter Satz: „Getreu den Grundsätzen jedes Liberalismus überläßt die Vereinigung die Stellungnahme zu den das religiöse Leben des einzelnen betreffenden Forderungen der Richtlinien der gewissenhaften Prüfung und Ueberzeugung ihrer Mitglieder" der gewissenhaftem: Prüfung und Ueberzeugung sage ich, nicht ihrer Willkür. Und nun lege ich meine Resolution auf den Tisch des Dauses nieder. Ich bitte Sie, sie im Interesse des jüdischen Liberalismus anzunehmen. Sanitätsrat Dr. Reich -Breslau: wenn ich das Wort nehme zu dem Abschnitte der Richtlinien, der sich mit dem Religionsunterrichte unserer Heranwachsenden Jugend beschäftigt, so will ich an diesem Punkte zeigen, wie dankbar wir unseren Rabbinern sein müssen für ihre Arbeit, wir stehen im Jahrhundert der Jugendfürsorge. Alle Parteien, politische, soziale, religiöse, betreiben ein Wettrennen, um die Jugend für sich zu gewinnen, gemäß der Wahrheit, die beinahe zur Binsenweisheit geworden: „wer die Jugend hat, der hat die Zukunft." Die Jugend, die wohl weiß, daß die Parteien, daß innerhalb der religiösen Parteien die Liberalen, die Orthodoxen, die Zionisten sie umwerben, sie fühlt sich, sie kommt zur Meinung: Wen die Jugend hat, der hat die Zukunft. Sie sucht sich selbst die Lehre aus, der sie den Vorzug gibt. Wohl unserer Jugend, wenn ihr die Lehre geboten wird, wenn ihr solche Lehrer beschieden werden, wie sie unsere Richtlinien voraussetzen. Dann werden wir nicht das traurige Schauspiel erleben, daß in unseren Gymnasien die Schüler der höheren Massen von unseren: Glauben abfallen und zur Taufe übergehen. Beweisen wir schon im Einblick auf diesen einen Abschnitt unserer Richtlinien Dankbarkeit unseren Rabbinern und nehmen wir die Resolution Blau an. Rabbiner Dr. Gold mann - Öppe l n: Meine Damen und Herren! Nachdem auch von theologischer Seite her ein etwas radikalerer Standpunkt eingenommen worden ist, trete ich dafür ein, daß diese Richtlinien angenommen werden, im Sinne und unter Anerkennung dessen, was die Herren Referenten gesagt haben, aber ohne jede abschwächende Resolution, und zwar aus folgenden Gründen. Herr Rechtsanwalt Dr. Geiger hat schon angedeutet, daß durch Mehrheitsbeschlüsse einer Versammlung keine religiöse Tätigkeit geleistet werden kann. Das ist selbstverständlich, und wir müssen zu einem klaren Ziele kommen, bevor unsere Vereinigung noch größer wird. Der natürliche Hergang wäre gewesen, daß die Rabbiner diese Richtlinien aufgestellt hätten, und daß auf dieser Grundlage eine liberale Vereinigung gegründet worden wäre. Nicht so, wie es jetzt ist, daß wir 6000 Menschen haben, welche die allerverschiedensten Richtungen vertreten, aus den allerverschiedensten Gründen sich 1l i b e r a l e Juden nennen. Aus diesen verschiedenen Anschauungen sollen wir gewissermaßen ein Kompromiß schließen, das eine hochwichtige religiöse Frage behandelt, und das geht nicht an! Meine Damen und Herren, seien wir uns doch ganz Aar über die schwierige Lage der heutigen liberalen Juden. Sie, die Sie hier versammelt sind, werden gewiß alle auf einem positiven religiösen Standpunkte stehen; das soll und darf nicht bezweifelt werden! Aber Sie wissen, daß der orthodoxe Jude, bei allem, was wir ihm sonst vorwerfen mögen, den Vorzug eines fixierten festen Standpunkts hat. Liberaler Jude nennt sich schließlich jeder; jeder, der sein Judentum

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