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Liberales Judentum · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 284

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Date
1912-12-01
Page
Seite 284 (sequence 16)
Language
German
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284 Are Posrner Versammlung o o o o wir nicht ein Judentum, sondern das Judentum vertreten. Damit haben Sie erklärt, daß wir das liberale Judentum nicht als eine Mdh'che Sekte, sondern als das Juden» tum an sich betrachten. Das Judentum ist von seinen ersten Aeußerungen an in stetem Fluß gewesen und geblieben. Mir können die Mege dieser Entwicklung überall konstatieren. Mir vertreten also nicht eine Abart des Judentums, sondern das eigentliche Judentum; wir sind also nicht auch Juden, sondern d i e Juden. Meine Herren, ich habe noch eine große Anzahl wünsche auf dem Herzen. Aber vielleicht wäre es ein Mißbrauch Ihrer Geduld, wenn ich Ihnen alles sagen wollte, was ich gegen die Richtlinien im Einzelnen vorzubringen habe. Ich wollte Ihnen nur auseinandersetzen, daß wir ein Programm brauchen, das erstens aussprichtz daß das Liberale Judentum keine schismatische Erscheinung bedeutet, und zweitens, daß wir — zum Unterschied von anderen Richtungen im Judentum — im Judentum eine Religion der Entwicklung sehen, wir müssen den Mut haben zu sagen, daß wir nicht ein Judentum, sondern das Judentum sind. I u st i z r a t D r. Blau- Frankfurt a. M. Ich hatte die Absicht, nach der Rede des Herrn Dr. Rieger das Resultat der bisherigen Debatte zusammenzufassen und zu versuchen, die Versammlung auf eine Resolution zu einigen. Diese Resolution habe ich auch bereits zu Papier gebracht. Die Anschauungen des Herrn Dr. Rieger, die sich zum Teil ganz außerhalb der von den bisherigen Rednern geäußerten Ansichten bewegen, und denen von den Herren Referenten begegnet werden mag, können mich nicht veranlassen, davon abzugehen, und Ihnen meine Resolution zur Annahme vorzuschlagen. Ich erlaube mir, die Resolution, die drei Sätze hat, zu verlesen: \. Sa%: „Die Vereinigung für das liberale ^Judentum in Deutschland begrüßt die auf Grund der Vorarbeiten der Fünfzehner-Rommission von den liberalen Rabbinern aufgestellten Richtlinien als bedeutsame Tat und hervorragenden Fortschritt auf dem Gebiete des religiösen Liberalismus in Lehre und Leben." Ich glaube nämlich, daß alle Herren Referenten und auch die Diskussionsredner die unbedingte Annahme der Richtlinien der Herren Rabbiner durch die Laien garnicht gewollt haben. Das wäre ja auch Jiie eine Vereinigung, die erst 6000 deutsche, nichtorthodoxe Juden umfaßt und die viele Tausende Richtorthodoxe, die noch außerhalb stehen, gewinnen will, gar nicht richtig. Denn ich kann mir wohl denken, daß man in Einzelheiten bezüglich der Punkte X, XI und XII der Richtlinien, ja auch bezüglich der Punkte II bis VIII divergierende Anschauungen aus ehrlicher jüdischer Ueberzeugnng heraus haben kann, solchen Divergierenden aber kann doch deshalb nicht die Eigenschaft eines Juden, eines gläubigen Juden, eines im Sinne des liberalen Judentums gläubigen Juden abgesprochen und der Eintritt in die liberale Vereinigung verwehrt werden. Das wird auch Herr Dr. Rieger zugeben. Denken Sie doch, meine verehrten Damen und Herren, an die Verhandlungen, die vor drei Jahren zur Schaffung des Parteiprogramms der jetzigen freisinnigen Volkspartei geführt haben. Auf dieses Programm haben sich drei liberale Richtungen geeinigt. Da mußte auch auf manches verzichtet, mancher Sonderwunsch zurückgestellt, da mußte eben auch „kompromittiert" werden. Auch damals machten sich Stimmen geltend, die behaupteten, die Einigung könne unter solchen Umständen nicht von Dauer sein. Zum Segen für den politischen Liberalismus hat sich das nicht bewahrheitet, im Gegenteil haben die Verhandlungen des diesjährigen Parteitags der geeinigten Richtungen ergeben, daß die verschiedenen Richtungen sich immer mehr amalgamieren und dem Liberalismus immer mehr wachsenden Einfluß gewährleisten. Und nun noch ein paar Morte an diejenigen Herren Rabbiner, die da meiner!, daß, wenn die Richtlinien der liberalen Rabbiner nicht tel quel akzeptiert werden, die Orthodoxie mit Recht sagen würde: „Eben haben die liberalen Rabbiner einen liberalen Schulchan Aruch geschaffen und schon wollen die Laien sich von ihm befreien." Fürchten Sie solche Meinung nicht und begegnen Sie ihnen damit, daß ja auch zahlreiche Orthodoxe, ja selbst orthodoxe Rabbiner sich Abweichungen vom Schulchan Aruch in Gesinnung und Tat erlauben, ohne von ihren

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