Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 283

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Date
1912-12-01
Page
Seite 283 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126500-3126512--1315-3128124
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

o o 00 283 We Pssrnrr Versammlung Durch die Rodifizierung über nehmen wir dem liberalen Judentum seine innere Rraft, seine Lntwicklungsmöglichkeit. Schon deshalb sind wir allesamt, ein jeder für sich und für seine Ortsgruppe verpflichtet, dieses Programm ohne weiteres glatt abzulehnen. Als Programm des liberalen Rabbinerverbandes mögen die Richtlinien wertvoll sein; sie mögen ein interessantes Zeitdokument bedeuten; aber als Programm der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland sind sie unmöglich. Ls wird uns mit der neuen Formulierung unseres Programms ganz ebenso ergehen, wie mit der alten Fassung, auf die wir uns damals in Berlin konstituierten. Diese alte Fassung ist inzwischen, das darf ich wohl widerspruchslos aussprechen, unter den Tisch gefallen. So wird es uns sicher mit dem Programm von heute ergehen. So gefährlich .also einerseits eine feste Formulierung unserer Prinzipien ist, so ist doch anderseits ein starkes Programm für uns unentbehrlich. Das klingt wie ein vjroulus vitiosus. Ich schlage Ihnen als Ausweg ans diesem Dilemma das Folgende vor: Line Aufnahme ritueller und zeremonieller Forderungen in das Programm ist undenkbar, die Aufstellung grundsätzlicher oder systematischer Voraussetzungen ist dagegen unumgänglich. Die Paragraphen 9 bis fo muß die liberale Vereinigung also ablehnen, wenn sie liberal bleiben will, wenn sie das Judentum in seiner Entwicklung vertritt. Andrerseits muß die heutige Tagung eine Gemeinsamkeit über die Grundprinzipien des liberalen Judentums, wie sie in den Paragraphen \—8 ausgesprochen sind, vor aller Welt konstatieren. Allerdings bedarf die Formulierung der Gedanken dieser 8 Paragraphen einer energischen Rritik, einer ganz entschiedenen Korrektur. Der erste und wesentliche Gedanke dieser umgestalteten Richtlinien, der allerdings versteckt auch 'in den vorgelegten Richtlinien unter \2 letzter Absatz ausgesprochen ist, muß lauten: --„Die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland tritt mit aller Entschiedenheit für die religiöse Einheit des Judentums ein; sie weist deshalb die Behauptung einer konfessionellen Verschiedenheit innerhalb des Judentums und alle Versuche einer Spaltung der Gemeinden als unjüdisch und unheilvoll zurück." Mit diesen Worten erheben wir Einspruch gegen die Versuche, die von Tahn-Fulda und anderen gemacht werden, ein Schisma zu schaffen. Diese Versuche bedeuten für das Judentum eine ernste Gefahr, und die heutige stattliche Versammlung hat die Ehrenpflicht, gerade gegenüber diesen schismatischen Bestrebungen die Einheit des Judentums programmatisch auszusprechen. Der zweite Gedanke, auf den wir uns hier einigen sollten, ist die Definition dessen, was wir unter liberalem Judentum verstehen. Der von Ihnen vorgeschlagene § { ist aber keine scharfe Formulierung des Begriffes „Liberales Judentum". Ich kann ihn zum Beispiel nur mit einer Veränderung des Subjektes vorlesen, ohne daß Sie etwa empfinden werden, daß er einen Widerspruch in sich birgt: 8 \. Das orthodoxe Judentum erblickt das Wesen der jüdischen Religion in ihren ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten, welche die geschichtliche Bestimmung haben, Weltreligion zu werden." Diesen Satz wird jeder Orthodoxe unterschreiben können. (Widerspruch.) So wie er dasteht, ist er eine Phrase ohne jeden wert und Inhalt .... (Lebhafter Widerspruchs Vorsitzender, den Redner unterbrechend : Meine Herren, die Zuhörer haben bisher dem- Herrn Redner ruhig zugehört. Ich bitte, das auch weiter zu tun. Ich bitte aber den Herrn Redner, sich in seinen Ausdrücken etwas zu mäßigen. Er spricht von seinen Rollegen, ' von den 65 Herren, die sich 'die größte Mühe gegeben haben, an diesem Programme zu arbeiten. Prediger Dr. Rieger - Hamburg fahrend: Ich bitte um Verzeihung dafür, daß ich das Wort Phrase gebraucht habe. Ich bedauere es selbstverständlich. Aber, aber, meine Herren, die Tatsache bleibt dadurch unberührt, daß Sie in diesem Paragraphen keine Formulierung des liberalen Gedankens bieten, daß seine Annahme einen bedenklichen Irrtum bedeuten würde. Ich möchte diesen Paragraphen so formulieren: „ß 2. „Die Liberale Vereinigung betrachtet das Judentum nicht als übernatürliche Offene barung, sondern als Religion der Entwickj lung." Damit haben Sie ausgesprochen, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.