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Liberales Judentum · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 279

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Date
1912-12-01
Page
Seite 279 (sequence 11)
Language
German
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o o Die Posener Versammlung 279 einverstanden und stehe trotzdem im Wesent- \ lichen auf dem Boden der drei Herren, die j uns referiert haben. So merkwürdig das klingen mag, so sehr hoffe ich doch, Sic von der Richtigkeit dieses Standpunktes überzeugen zu können. Uteine Damen und Herren! Ich bin vielleicht einer der Radikalsten von all den Herrschaften hier im Saale und trotzdem nehme ich es ohne weiteres auf mich, die Richtlinien, so wie sie vorgelegt sind und mit denen ich, wie ich gleichzeitig erkläre, in einer großen Reihe von Punkten absolut nicht einverstanden bin, zu verteidigen und zur Annahme zu empfehlen, vorausgesetzt, daß die Annahme in dem Sinne und in der Weise geschieht, wie sie nach meiner Anschauung allein geschehen kann. Es ist zunächst seitens des Herrn Dr. Loblenz beanstandet worden, daß diese Richtlinien uns fetzt präsentiert werden als Richtlinien der Rabbiner, während die Nürnberger Versammlung beabsichtigt habe, Richtlinien der Vereinigung aufzustellen. Ich will mich nicht darüber auslassen, ob hierbei richtig oder falsch vorgegangen ist; denn nach meiner Ueberzeugung liegt dieses Ergebnis, das vielleicht nicht ganz dem ursprünglichen Nürnberger Beschlüsse entspricht, in der natürlichen Entwickelung der Dinge. Es hängt das nämlich damit zusammen, daß nach meiner Auffassung die liberale Vereinigung als so lche, im wesentlichen eine aus Laien bestehende Vereinigung, diese Richtlinien garnicht aufstellen kann. Die liberale Vereinigung als solche kann über die Organisation und die Art der Propaganda des liberalen Judentums Beschlüsse fassen und diese Beschlüsse ausführen, z. B. Vorträge halten lassen, Zeitschriften herausgeben, Vereine gründen und bei Gemeindewahlen in liberalem Sinne wirken; sie kann auch durch Entschließungen und Resolutionen oder wie sonst zum Ausdruck bringen, daß z. B. diese oder jene Einrichtung im Kultus oder Ritus als veraltet anzusehen und daß daher auf ihre Abschaffung hinzuwirken, daß dagegen vielleicht eine andere Institution wünschenswert und neu einzuführen sei. Sie kann in dieser Richtung suchen, auf die liberalen Rabbiner einzuwirken, sie kann aber auch den Gemeinden gegenüber ihre Wünsche äußern, z. B. bezüglich Gestaltung des Religionsunterrichts usw. Aber die liberale Vereinigung als solche kann keine Religion machen. Dazu ist erstens die liberale Vereinigung nicht da, und dazu ist sie vor allem auch laicht nötig. Es ist hier ganz richtig gesagt worden, daß die Richtlinien überhaupt keine neue Religion aufstellen, sondern nur in moderner Art die ewigen Wahrheiten des Judentums zusammenfassen. Und gerade deshalb, aneine Damen und Herren, ist esnichtmöglich, daß die liberale Vereinigung Richtlinien aufstellt, wie sie hier vorliegen, und die in ausgezeichneter Weise diese ewiger: Wahrheiten des Judentums enthalten. Diejenigen, die liberales 'Judentum zu „machen" und zu propagieren haben in dem Sinne, daß sie die ewigen Wahrheiten des Judentums theoretisch festlegen und verarbeiten und daß sie die Lehren verkünden, die zur weiteren Ausgestaltung des liberalen Judentums i m r e i n religiösen und theoretischen S'inne erforderlich sind, das sind diejenigen, die berufen sind, dieses Judentum von der Kanzel herab zu predigen, das sind eben die Rabbä n er. Uleine Damen und Herren, bei allen derartigen geistigen Bewegungen war das nicht anders. Solche Ideen sind niemals zuerst von einer vereinigMg von Laien aufgestellt worden. Als Ulose seine Lehre verkündete, als Ulohammed seine Religion begründete, und all die vielen anderen Stifter von Religionen mit ihren Ideen hervortraten, als Luther seine große Tat vollbrachte, da werden Sie nicht gehört Haben, daß sie sofort eine Laien - Vereinigung, ins Leben gerufen haben, um die Religion in Paragraphen zu fassen und um ihr Anhänger zuzuführen, sondern sie haben sich s e l b st hingestellt und haben propagiert, sie sind s e l b st auf die Kanzel getreten und Haben ihre Ideen verkündet und haben für sie geworben. Erst nachher sind die „Vereinigungen" gekommen und haben der Sache eine reale Grundlage gegeben, haben praktische Arbeit geleistet und Organisationen geschaffen. Und das ist es, meine Damen und Herren, worauf es auch bei uns ankommt: Die liberale Vereinigung kann Richtlinien in dieser Form nicht fest- [ setzen; das müssen die Rabbiner tun.

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