Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 278

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Date
1912-12-01
Page
Seite 278 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3126481-3126500-3126512--1310-3128119
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

278 Die Pasener Versammlung- Ich selbst habe die von dem liberalen Rabbinerverband formulierten Richtlinien zu einem j)rogramni für das liberale Judentum unterzeichnet, weil ich der Meinung bin, daß es für die Weiterentwickelung des Judentums von außerordentlicher Bedeutung ist, wenn für die liberalen Rabbiner eine Plattform geschaffen wird, auf der sie zu gemeinsamer Arbeit sich zusammenfinden. Aber diese Richtlinien der Rabbiner dürfen nun nicht ohne weiteres die Richtlinien der Vereinigung werden. Das stände im Widerspruch sowohl mit dem Nürnberger Beschluß, als auch mit dem, was mir wiederholt versichert worden ist. Ich hatte bis jetzt geglaubt, die Rabbiner als Vertreter des objektiven, geschichtlich gewordenen Judentums sollten zunächst für sich Richtlinien aufstellen, die nach ihrer Meinung die Grundlage für das religiöse Leben der Gegenwart bilden. Ihre Aufgabe bliebe es dann, die Nichttheologen als Vertreter des subjektiven Judentums für diese Richtlinien zu gewinnen. Das ist ja auch der Standpunkt, den vorhin Lserr Dr. Seligmann mit so viel Wärme vertreten hat. von diesem Standpunkt aber weichen wir ab, sobald die Richtlinien von der heutigen Versammlung angenommen werden. Denn durch diese Annahme erklärt die Versammlung: wir verpflichten alle Mitglieder der Vereinigung auch auf die einzelnen Gebote, deren Befolgung in den Richtlinien als „unerläßlich" für jeden bezeichnet wird, der als religiöser Jude gelten will. Das aber widerspricht den Grundsätzen des Liberalismus. Herr Dr. Freudenthal hat vorhin in echt liberaler weise erklärt: Wir wünschen nicht, daß der einzelne nun ohne weiteres die Forderungen erfüllen soll, die in den Richtlinien aufgestellt sind> sondern jeder mag erst in ernster Erwägung sich selbst darüber Rechenschaft geben, wie er sich zu den einzelnen Geboten zu stellen habe, wie ist es aber xnit diesen Worten in Einklang zu bringen, daß in den Richtlinien zahlreiche Forderungen als „unerläßlich" für das religiöse Leben des einzelnen bezeichnet werden. Darin liegt ein Widerspruch, den ich nicht zu lösen vermag, und der nach meiner Auffassung die ganze Wirkung der Richtlinien in Frage stellt. Ich 'kann mir z. B. wohl denken, daß ein Rabbiner, der sich als Vertreter des objektiven Judentums fühlt, in warmherziger Beredsamkeit von Mund zu Mund die Mitglieder seiner Gemeinde davon überzeugt: dies oder jenes Gebot bedeutet auch für euch noch so viel, daß ihr es befolgen müßt! Aber ich kann mir nicht denken, daß auch nur ein Jude mehr als seither etwa die Gebote der Beschneidung oder der Sabbatfeier deshalb beobachten wird, weil die liberale Vereinigung beschlossen hat: sie sind „unerläßlich". Ich bekenne mich also zu den Richtlinien, solange sie eine Meinungsäußerung der Rabbiner sind; in dem Augenblick, wo sie füralle Mitglieder der Vereinigung durch Annahme seitens der Generalversammlung bindend werden, muß ich sie ablehnen, weil sie alsdann einen Gewissenszwang bedeuten. Sie werden ein liberaler Schulchan aruch. (Lebhafter Widerspruch.) So müssen wir die Sache ablehnen. Gestatten Sie mir noch eine Benrerkung. Als ich hierher reiste, wurde mir von vielen liberalen Juden im Westen gesagt: wir warten sehnsüchtig auf die Richtlinien, wenn wir aber zurückkommen und ihnen das bieten, was hier beschlossen werden soll, in der Form, wie es hier steht, dann werden wjr nicht nur keine neuen Mitglieder gewinnen, sondern wir werden noch viele der alten abspenstig machen. Meine Damen und Herren, ich will keinen bestimmten Antrag stellen, ich glaube, im weiteren verlauf der Debatte wird sich ein weg finden lassen, den wir zu gehen haben. Ich wollte nur das eine Ihnen hier sagen: als Kundgebung des liberalen Rabbinerverbandes find die Richtlinien eine Tat, die für die Weiterentwicklung des Judentums entscheidende Bedeutung gewinne»' kann (Sehr richtig). Aber als Richtlinien der liberalen Vereinigung sowie sie hier vorliegen, mit der Forderung des „Unerläßlich" muß ich ablehnen. Finden Sie einen Weg, der diese Schwierigkeit beseitigt, dann bin ich gewiß, daß Ihr heutiger Beschluß der Vereinigung zahlreiche neue Freunde zuführt (Beifall). Rechtsanwalt Dr. Rudolf Geiger- Frankfurt a. M.: Meine Damen und Herren. Ich bin mit dem, was Herr Dr. Eoblenz ausgeführt hat, materiell durchaus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.