Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 273 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Predigt von Prof. Ar. Stoch 273 diesen Wunsch vortrug. Der Herr willfahrte ihm und Mos eh fand sich in den Hörsaal Akibas versetzt, wo acht Reihen von Schülern eifrigst mit dem Meister disputierten. Moseh horchte genau auf, aber er verstand kein Wort von dem, was erörtert wurde; er kannte doch seine fünf Bücher, was er indes hier hörte, war ihm völlig fremd. „Moseh war einer Ohnmacht nahe." Immer heißer wurde der Disput, immer schärfer wurde dem Meister zugesetzt, bis er endlich erwiderte: halochoh lemosehe missinaj, „so wurde es dem Moseh vom Sinai her überliefert." Das gilt auch für uns. Die Worte des Sinai, sie sind uns der Leitstern, den wir niemals aus den Augen verlieren dürfen. Die ewigen Grundwahrheiten unseres Glaubens, die sittlichen Grundgebote mit ihrer symbolischen Ausgestaltung, wie sie uns vom Sinai durch Moseh überliefert worden, sie sind der feste j)unkt, auf dem wir stehen, um die Erfrischung und Verjüngung des Judentums herbeizuführen. Wir sind weit davon entfernt, einen Feuerbrand in unsere Glaubensgemeinde werfen zu wollen, wir hegen den sehnlichsten Wunsch, den herrlichen Lehren des Judentums den wirksamen Einfluß auf das Herz und Leben der Gegenwart wiederzugewinnen, und wenn wir dabei dem Ruf unserer Zeit Gehör geben, so glauben wir, damit im Namen Gottes zu wirken, und wollen den Gelzweig des Friedens, mit dem der Herr am Sinai sein Volk gesegnet, stets hoch halten. II. So wir treu und wahrhaftig im Namen Gottes wirken und handeln wollen, dürfen wir die Stimme der Menschenpflicht und Menschenliebe nicht überhören, muß uns das Gebot der Menschlichkeit heilig bleiben. Gott zur Ehre, keinem Menschen zu Leide! wir fürchten Gott, wenn wir seine Geschöpfe schonen. Das schönste, dichterisch anmutigste Bild aus 'dem Flutbericht, den wir soeben haben verlesen gehört, bietet uns die Erzählung von der Taube. Welch zarter Duft haucht aus diesen Worten! welch liebevoller Feinsinn, in welchem Mensch und Tier sich begegnen, atmet zwischen den Zeilen. Wir fühlen ordentlich die feuchtschwere Atmosphäre, welche noch über der Erde lagert und selbst die flugkräftige Taube bei ihrer ersten Heimkehr im Fliegen behindert. Es ist, als mache es ihr besondere Mühe, sich in die Arche hineinzuschwingen; da streckt Noah seine Hand aus und holt sie herein. Bei der - zweiten Heimkehr brachte die Taube ein Gelblatt frisch gepflückt in ihrem Munde heim. Sie brachte nicht das Blatt des Lorbeers, das Zeichen des Ruhmes, nicht den Zweig der j)alme, das Sinnbild des Sieges, sondern das Blatt des Gelbaums, das Symbol des Lichtes, des Friedens. „Die Gemeinde Israels wird der Taube verglichen."^) wie die Taube den einen Gefährten, mit dem sie sich zusammengefunden, nicht mehr verläßt und treu an ihm hängt, ebenso hat Israel dem einig-einzigen Gott, den es sich hat erwählt, seine Treue in Freud und Leid bewährt. wie die Taube keinen Ruheplatz fand für den Ballen ihres Fußes, so hat auch Israel oftmals nicht gewußt, wo es seinen Fuß hinsetzen durfte, wie die Taube den Gelzweig des Friedens und des Lichtes der Welt gebracht hat, ebenso Israel. Auch wir haben nichts anderes im Sinn, als zu einer Zeit, wo der Rampf um die Weltanschauung heftiger als je entbrannt ist und der Streit der Ueberzeugungen gerade innerhalb unserer Glaubensgemeinde in den Gemütern immer mehr Verwirrung, Zerrissenheit, Haltlosigkeit und Ratlosigkeit hervorruft, den Gelzweig des Lichtes und des Friedens unserem Glaubenskreise darzubieten, „damit Menschenliebe und Glaubenstreue sich einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich gegenseitig küssen." wir wollen Niemanden schmähen, Niemanden schelten. Niemanden kränken in seiner Ehre, in seinem Recht, in seiner Ueberzeugung. wir wollen Niemanden ausschließen, wir achten jede ehrliche Meinung und verlangen nur das Gleiche für uns, wenn wir religiöse Aussprache mit einander halten wollen, um das religiöse Gefühl zu stärken, um leeren, dürren Kerzen frisches Glaubensblut zuzuführen und die Gedanken und Bestrebungen unserer Gegenwart in das Licht unserer Lehre zu stellen. Ein Spruch unserer weisen besagt/) die Taube sei bis zum Paradies vorgedrungen, „die j)forten des Paradieses sprangen vor *) Schir haschirim rabb. zu Scbir haschi- 4) Bereschith rabb. zu Genes. 8, 11.