Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 272 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Predigt van Prof. Nr. Alach [ammcnfajjen aller Kräfte irgend welchen Erfolg verheißt, noch mehr zu schwächen. Wie unterscheiden wir und woran erkennen wir, was wahrhaft und wirklich im Namen Gottes geschieht? Nach dieser Richtung soll fetzt unsere Aufmerksamkeit gelenkt und darauf hingewiesen werden, daß wir einerseits die Pflicht oder doch mindestens das Recht haben, — daß wir im Namen Gottes handeln, wenn wir innerhalb des religiösen Gebens dem Ruf der Zeit, dem Ruf unserer Gegenwart, Gehör geben und Gehör schaffen, daß wir anderseits nur dann „im Namen Gottes" handeln, wenn wir dabei die Stimme der Menschenpflicht und Menschenliebe nicht überhören, das Gebot der Menschlichkeit nicht außer acht lassen. Diese beiden Satze wollen wir nun an einen -oder anderen Vers des heutigen Schriftabschnittes anknüpfen und sie nicht nur euerer Erwägung, sondern auch euerer Beherzigung empfehlen. I. Der heutige Wochenabschnitt beginnt mit der Erzählung der Lebensgeschichte Noahs und berichtet im ersten Vers: „Noah war ein gerechter Mann, er war tadellos für seine Zeit, mit Gott wandelte Noah." Der Vers ist rhythmisch gehalten und wird von einem vierteiligen oder eigentlich von einem dreiteiligen Rhythmus getragen. „Noah war ein gerechter Mann," das höchste Lob, das die heilige Schrift einem Menschen erteilt, das hier jedoch eingeschränkt oder näher erläutert wird: „er war tadellos im Verhältnis zu seinen Zeitgenossen"; es wird alsdann begründet: „mit Gott wandelte Noah", er suchte in seiner "Lebensführung und Lebenshaltung dem Willen Gottes gerecht zu werden. Das entscheidende, den Nerv des Verses bildende Wort ist unstreitig bedorossow „in Rücksicht auf seine Zeit," wie schon die alten Erklärer bemerken, von denen manche ein Lob, andere einen Tadel darin erblicken. Gleichviel jedoch, ob man das Wort als ein Lob oder als einen Tadel auffaßt, es genügt, daß die heilige Schrift es nachdrücklich hervorhebt bedorossow „für seine Zeit.^- Denn jede Zeit hat ihren eigenen Geist, jede Zeit hat ihre besonderen Strebeziele, ihre Probleme, mit denen sie sich vorzugsweise beschäftigt, ja jede Zeit hat ihre eigenen Schlagworte, ihre besondere moralische Stimmung, ihre eigene Geschmacksrichtung; es ist das die geistige Atmosphäre, die alles und jedes allenthalben umhüllt und durchdringt, deren Macht sich niemand ganz entziehen kann, und welche auch auf unser Glaubensleben einen unwiderstehlichen Einfluß übt. Sollen wir etwa solchem Einfluß, der die heiligsten Angelegenheiten unserer Seele berührt, scheu ausweichen? vermögen wir es üherhaupt, dem von allen Seiten auf uns eindringenden Kontrast mit Zeit und Gegenwart auszuweichen? Ein Einzelner oder eine kleine Gruppe kann sich abseits stellen; eine Gemeinde kann das nicht, ohne sich selbst zu gefährden und ihren Gliedern die Freude an der Gesamtheit zu verleiden, vielmehr erwächst für alle diejenigen, denen die religiösen Interessen des Judentums anvertraut sind, die ernste Pflicht, sich mit der Zeitströmung auseinander zu setzen und nach einer Verständigung, nach einem Ausgleich mit den die Gegenwart beherrschenden Geistesmächten zu suchen. Unsere Gegenwart zumal, die so wunderbare Entdeckungen und Erfindungen aufzuweisen hat, die in Wissenschaft und Technik einen so merkwürdigen Aufschwung genominen hat, daß die alte und mittelalterliche Zeit in ihrer Naturerkenntnis, in ihrer Wertbestinrmung uns kindlich und unreif erscheint! sollten wir ihrem Ruf unser Ohr ganz und gar verschließen? Freilich, wie jede menschliche Erkenntnis ihre Grenze hat, so gibt es auch hierin eine Grenze, die wir nicht überschreiten dürfen, wenn es uns mit der Erhaltung unseres Judentums wirklicher, heiliger Ernst ist; kein Ruf irgend welcher Zeit kann und darf die Stimme ubertönen, die voin Sinai unvergänglich zu uns herüberklingt. Der größte Synagogenlehrer der talmudischen oder vielmehr tannaitischen Zeit war Akiba ben Joseph. Obwohl ein Jonathan ben bsyrkanos ihn als Halbwissers bezeichnete, wuchs doch sein Ruhm und Ansehen auf Erden so sehr, daß Moseh im löimmel — wie eine talmudische Parabel erzählt") — begierig wurde ihn zu sehen und zu hören und dem l^errn Weadajin lo liigato leroe bokor, -Tebamoth 16a, ') Menachoth 29b.