Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 266 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Die Pssener Versammlung— Ansprache Ar. Mrrthrim ■d\en, um auch die Jugend für uns zu begeistern, die Jugend, die noch immer, wie laut auch der Schein manchmal dagegen sprechen mag, in ihrer großen Mehrheit in allen jüdischen Dingen liberal denkt und fühlt. Ls ist hier nicht die Gelegenheit und vor allen Dingen nicht mehr die Zeit, im einzelnen die tiefen Unterschiede zu beleuchten, die uns trennen von rechts und von links, von Orthodoxie und von Zionismus. Aber ich glaube, am schärfsten läßt sich unsere Stellung charakterisieren, wenn ich sage: in keinem Lager wird so stark der heiße Atem der Gegenwart gefühlt wie im jüdisch-liberalen. Modern wollen wir sein, modern im besten Sinne des Mortes? Meshalb standen so viele Kreise der Zugend bisher der jüdischen Religion fern? Meil unser Judentum in Formen in die Erscheinung trat, die nicht mehr zusammenklingen wollten mit dem Empfinden unserer Tage. Und weshalb standen so viele Kreise der Zugend der Religion als solcher überhaupt fern? Meil man Religion und religiöse Bestrebungen für eine veraltete Erscheinung hielt und nicht bedachte, daß wenig Philosophie von der Religion entfernt, viel Philosophie aber zu ihr zurückführt. Nun, heute hat gerade die Besten der Zugend ein neuest Streben nach Verinnerlich:":^ und Vertiefung erfaßt. Heute. ersehnen grade die Besten der Zugend aus dem Lasten und Treiben, ans dem Lärm und Gewirr des Alltags einen Augenblick der Ruhe, der uns aus den Merktagstiefen des Lebens emporführen kann zu den geweihten Höhen reiner Erkenntnis. Und diesen Feiertag der Seele glauben wir nicht besser begehen zu können, als in den: uralten Tempel des Zudentums, aus dem "der Schutt der Zahrhunderte entfernt ist, und in dem wieder die großen Grundgedanken der Propheten, dem modernsten Empfinden verbunden-, rein und klar hervorleuchten. Meine Damen und Herren! Menn wir uns zu einer jüdisch-liberalen Zugend-Organisation zusammengeschlossen haben, so haben wir dies nicht nur getan, um die Bestrebungen des religiösen Liberalismus zu verfechten gegen diejenigen, die unsere Religion lieber in starren Formen sterben, als in modernen leben sehen, sondern wir wollen auch ein Sammelplatz derer sein, die neben dem Liberalismus in jüdisch-religiösen Dingen den Liberalismus in jüdisch-politischen Dingen vertreten. Dieselben Geistesbestrebungen, meine Damen und Herren, die die Religion' als veraltete Einrichtung auf den Kehrichthaufen der Geschichte werfen wollten, haben auch an ihrem Teile mitgewirkt, die Bewegung im Zudentum emporzuführen, für die an Stelle der jüdischen Religion der Begriff der jüdischen Nation getreten ist. Und wahrlich, ein großer Teil und nicht der schlechteste, gerade der jüdischen Zugend hat sich dieser Bewegung angeschlossen. Deshalb glauben wir,, daß es die höchste Zeit ist, daß die jüdischliberale Zugend, ebenso wie für die liberalen Zdeen der Religion, Stellung nimmt gegen die Zdee des Zionismus. Mit einem Mirken für unsere Religion muß stets verbunden seinein Kampf für die Besserung der Lage der Anhänger unserer Religion. Und diesen Kampf für die Besserung unserer Lage sehen wir bedroht durch den Zionismus, wir wollen nicht, daß unsere Väter die Ghettomauern Europas niedergerissen haben, um sie neu in Palästina wieder aufzubauen. (Sehrrichtig!) Mir, meine Damen und Herren, wollen eine Religion, deren Ausübung bei aller Ehrfurcht vor den großen Rätseln des Lebens und der Ewigkeit in Einklang steht mit dem Empfinden unserer Tage. Und wir wollen für die staatsbürgerliche Lage der Anhänger unserer Religion nicht in den Nebelfernen grauer Vergangenheit das Zdeal eines Zudenstaates suchen, nein, wir wollen auf dem Boden des geschichtlich Gewordenen, auf dem Boden der Wirklichkeit, den Blick vorwärtsgerichtet, alle Hände rühren, hierauf deutschem Boden uns unsere Rechte zu erkämpfen. (Bravo!) Diese Zdeen, meine Damen und Herren, zu verwirklichen, rufen wir die Zugend auf, sich in jüdisch-liberalen Zugendvereinen zusammenzuschließen. Nur allzu lange haben wir Liberalen zugesehen, wie alle anderen Richtungen im Zudentum das Heranwachsende Geschlecht für sich zu gewinnen und zu organisieren unternahmen. Zetzt. gilt es schwere Arbeit, um auch die an unsere Organisation zu fesseln, die bisher allen jüdischen Bestrebungen fernstanden. Für dieses Wirken erbitte ich Zhrer aller Mitarbeit. Sie alle können dazu beitragen, daß die Schande der Zudentaufe wie eine Seuche aus unserer Zugend ausgerottet wird, und daß die Zugend, die noch ein Band des Herzens und