Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 264 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Are Posenev Versammlung — Ansprache Ar. Selrgmann in der Religion nicht feschalten kann, daß der Zionismus sie in der Religion nicht feschalten will. Deswegen mußten wir in die Bresche treten. Um dessenwillen, was allein, nach unserer Ansicht, dem Judentum Existenzberechtigung gibt, um die Religion zu erhalten, müßten wir in die Bresche treten, wir. glauben nicht, daß unsere Generation so entartet ist, daß sie, die Rinder des Volkes der Religion, nun plötzlich die religionsloseste Gemeinschaft der Welt geworden ist. Nein, es muß die Art, wie die Religion an sie herangebracht worden ist in den letzten hundert Jahren, es muß die Erscheinungsform der Religion so gewesen sein, daß sie nicht im Stande war, die Zugend zu gewinnen. Und wir trauen dem liberalen Judentum die Werbekraft zu, die alleinige Werbekraft, unsere Zugend wieder für das religiöse Zudentum zu gewinnen. Tlnd so sind wir inmitten des deutschen Zudentums aufgestanden als neue Förderer; denn "die religiöse Bedürfnislosigkeit ist uns zu groß geworden. Wir fordern von unseren Anhängern aber nicht, nur, daß sie sittlich-religiös, sondern auch jüdisch-religiös, oder wie man es meistens nennt, zeremoniell-religiös sind, wir wissen, daß wir von denen, die sich alles religiösen Tuns entschlagen haben, Opfer fordern. Aber die Religion ist dazu da, dem Menschen Opfer aufzuerlegen, wie sich auch die Religion dem Menschen gegenüber stellt, immer verlangt sie Opfer. Eine Religion, die nichts von uns fordert, ist keine Religion. Eine Religion, die uns nicht Stunden abringt für höhere Lebensweihe, die uns nicht aus der Enge und Rleinheit des Alltagslebens emporreißt, die uns nicht. Ehrfurcht, diese adeligste Eigenschaft des Menschen, abnötigt, ist keine Religion. Deswegen treten wir ein für die wunderbar schönen häuslichen Formen des religiösen Zudentums, deswegen treten wir ein mit aller Macht für die Erhaltung unseres einzig schönen Freitag-Abends, für die Erhaltung unseres'ergreifenden Sederabends und all der anderen weihevollen Väterbräuche, aus denen tausendfache Freude und tausendfacher Segen hervorsprießt. , Und können wir die alten hebräischen Gebete dabei nicht sagen, so wollen wir sie auf deutsch sagen (Bravo!), und wir Rabbiner werden für die neuen Bedürfnisse und Verhältnisse die neue Form schaffen. Wir wollen alle Bräuche und Formen,, die heute noch imstande sind, bei den Rindern unserer Zeit sittliche Gefühle zu erregen, die religiöse Rraft zu stärken, das religiöse Selbstbewußtsein zu heben, bewahren und neu beleben. — Aber wir sprechen es frei: aus: wir erkennen den Zeremonien keine Gesetzes kraft zu und keinen wert an sich. Sie sind und sollten von Anfang nur sein Mittel zum Zweck, kein Dienst, sondern ein freudiges Tun, kein Zoch, sondern eine Erhöhung und Bereicherung des Lebens. Und so nehrnen wir keinen I!instand/ frei und laut, daß es jeder hören mag, zu erklären: Nicht die Erfüllung all der zahllosen zeremoniellen Satzungen, die unwiderbringlich aus dem Leben geschwunden sind, sondern die fromme Gesinnung, die sittliche Tat, die religiöse Opferkraft, das jüdische Verz und Gefühl, die jüdische Stimmung des bjauses — sie sind es, die nicht bloß den g u t e n sondern den frommen Zuden machen. ' Und indem wir 65 Rabbinen, die die Richtlinien^unterschrieben haben, vor der breiten Deffentlichkeit diese Erklärung abgeben, glauben wir in Tausenden die Liebe zum Zudentum, den Glauben an das Zudentum, die Treue zum Zudentum, die Begeisterung für das Zudentum, für das Zudentum, das sie in unseren Zeiten halten können, und das darum sie halten, festhalten wird, gestärkt zu haben. (Lebhafter Beifall). Noch eins, was von meinem Herrn Vorredner schon zum Teil berührt worden ist.