Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 263 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Are Pssrner Versammlung — Ansprache Ar. Seligmamr . 26Z schon überhaupt nichts wissen, die garnicht wissen, daß andere Menschen neben ihnen existieren, tun würden, wenn sie plötzlich unversehens mit einander zusammen kämen. Er hat gemeint, es gäbe drei Möglichkeiten. Entweder.sie stürzen auf einander zu, um sich tot zu schlagen, oder sie fliehen vor einander, oder sie nähern sich einander und drücken sich in Freude die Hand. Meine hochverehrten Damen und Herren! Mir liberalen Juden danken Ihnen, den hier anwesenden Nicht-Liberalen', daß Sie hierher gekommen sind, und wir hoffen, daß wenn wir uns kennen gelernt haben, wenn Sie uns und unser Mollen und unsere Bestrebungen, die wir Ihnen heute darlegen, kennen gelernt haben, daß Sie dann sagen werden, ' wir Milden sind doch nicht so schlechte Menschen, als sie draußen hingestellt werden. Meine verehrten Damen und Herren! Als ich ineine Antrittspredigt in Frankfurt gehalten habe, da — so wurde nur erzählt —^ standen hinten zwei Juden aus der separatistischen Orthodoxie, und als meine predigt zu Ende war, sollen sie zueinander gesagt haben: „Sahen wir wunder gemeint, was er predigen wird, was wir alles aufgeben sollen; kommt heraus, hat er vom lieben Gott gepredigt." (Heiterkeit.) Ja vom lieben Gott — das ist unsere er st e Forderung — sollen wir wieder predigen; denn vom lieben Gott wird in unserer Zeit unter uns Juden zu wenig gepredigt. Mirmüssen wieder Gottessucher werden! Mir Juden, die wir einst der Melt einen Gott und eine Sittlichkeit geschenkt, die' wir uns rühmen unserer Religion als der Mutter aller Religionen, wir Juden dürfen uns nicht selbst verlieren. Mir dürfen unser eigenstes, was unseren geschichtlichen Mert uns verleiht, was uns unsere Existenzberechtigung verbürgt, unseren Gottesglauben, unsere religiöse Weltanschauung nicht aus der Seele reißen lassen. Das ist unsere erste Forderung. (Bravo!) Meine Damen und Herren! Mir sind 10 Minuten Redezeit gesetzt. Ich soll in (0 Minuten mit den religiösen Forderungen des liberalen Judentums fertig fein? (Heiterkeit.) Auf fünf Ouartseiten Richtlinien haben alle Forderungen des religiösen Liberalismus Platz? (Heiterkeit.) Wird man nicht sagen: wie, eine Religion, die aus 615 Thorageboten und 10 000 Schulchan aruchparagraphen besteht — f0 060, soweit der Schulchan aruch noch als maßgebend heute in Frage kommt — die wollen wir auf 5 Seiten und in f0 Minuten erledigen? Aber, meine verechrten Damen und Herren, das ist es ja, was das liberale Judentum charakterisiert und worauf es ihm ankommt: uns kommt es nicht auf die Quantität, sondern auf die (Qualität an. (Bravo!) Meine Damen und Herren! (?) ualitäts juden wollen wir sein (großer Beifall) und Oalitätsjuden wollen wir erziehen durch das liberale Iudentmn. Mir wollen Juden erziehen, die das alte Liäänseti haschem als höchste Forderung auf ihre Fahne schreiben, die in ihrem sittlichen Leben, in ihrem sozialen Leben, in ihrem Berufsleben sich und ihrer Glaubensgemeinschaft und ihrem Gott Ehre machen, Menschen voll Vornehmheit der Gesinnung, voll edler Zurückhaltung, voll Wahrhaftigkeit und pflichttreue, die durch ihre ganze Persönlichkeit, durch ihr Auftreten unter Andersgläubigen die Ehre des Judentums erhöhen. wenn wir uns zusammengeschlossen haben zur liberalen Vereinigung, so glauben Sie ja nicht, daß es deswegen geschehen ist, weil wir weniger Religion wollen, sondern deswegen, weil wir mehr Religion wollen.. Darum sind wir auf die Plattform getreten. . wir haben gesehen, daß unsere Jugend sich in immer steigendem Maße von der Religion entfernt, daß die Orthodoxie sie