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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 261

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 261 (sequence 45)
Language
German
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261 Nie Posener Urrsämmlung — Ansprache Direktor Kolzmann Diese Sätze lehren uns zugleich noch ein andres, nämlich daß, wer im Aufblick und in <£iehe zu dem Ewigen gerecht und gütig ist, sich aus der Enge seines Zchs zum universalen Leben erhebt und als ewed adonoi, als Knecht des Ewigen mitbauen hilft an dem Gottesreiche auf Erden, an dem malchus schomajim. .Zu solcher Erkenntnis des Ewigen, zum Mandeln in den Wegen des Ewigen anzuleiten, das ist eine der wesentlichsten Aufgaben unsres Religionsunterrichts. Damit aber unsre Zugend die religiösethischen Anschauungen des Judentums aus der Urquelle zu schöpfen imstande sei, aus der allein sie rein, ungetrübt gewonnen werden können, zu diesem Zwecke und vornehmlich zu diesem Zwecke muß sie im Gebräuchen, in der Sprache der Religion, unterrichtet werden. Damit wird auch der Grund gelegt zu der Erfüllung einer Seite der hehren Aufgabe, die der Satz des zweiten Buches Mose enthält: Und ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk?) Rächst der eindringenden Kenntnis der Bibel muß unsre Jugend einen Einblick auch in die spätere religiöse Gedankenwelt unsrer Glaubensgemeinschaft erhalten. Sie muß mit den Kämpfen gegen das Heidentum, mit den religiösen Spaltungen und Parteien während des zweiten Tempels, mit der Entwicklung der mündlichen Lehre im mischnisch-talmudischen Zeitalter — nachdem sich unsre Gemeinschaft nach der Vernichtung des Staates in dem Studium der Bibel und deren mannigfacher Ausdeutung eine neue, eine geistige Heimat geschaffen hatte. — sic muß mit wichtigen Gedanken unsrer mittelalterlichen und späteren Religionsphilosophen bekannt gemacht werden; sie muß erfahren, daß manche überlieferte Glau- Kap. 19, 6. benslehre im Laufe der Zeit umgebildet, gar manche getrübt worden ist. Aber auch von den Grundlehren andrer Religionen, besonders den Lehren des Christentums, durch die sich dieses von der Mutterreligion unterscheidet, soll unsre Zugend Kenntnis erhalten. Daß der Lehrer sich hiebei der strengsten Sachlichkeit befleißige, ist eine Forderung, die unter uns, die wir unter den schädlichen Folgen einer andersartigen Behandlung des Zudentums seit langem zu .leiden haben, kaum ausgesprochen zu werden braucht. vorhin war von der Trübung mancher unsrer Glaubenslehren die Rede. Unsre Zugend muß auch erfahren, daß diese Trübung der Geister überhaupt öfters durch Verfolgungen und Unterdrückungen herbeigeführt worden ist. Sie muß also einen Einblick auch in die äußere Geschichte unserer Gemeinschaft in den verschiedenen Ländern, besonders in Deutschland erhalten — in jene Geschichte, die, ob dem jahrhundertelangen Märtyrertum, ob der bis in unsere Tage fortgesetzten Unkenntnis, Verkennung und Zurücksetzung unsrer Gemeinschaft so niederdrückend, die aber auch so erhebend ist ob ihrer Dulderkraft und Ueberzeugungstreue, ihrer sittlichen und geistigen Stärke, die jenes Wunder der Weltgeschichte, den Fortbestand unsrer Gemeinschaft trotz aller Drangsale, erklären. Diese geistige Kraft, die sich schon im Mittelalter auf dem Gebiete der Geistes¬ und der Naturwissenschaften betätigte, verdankte unsre Gemeinschaft — das werde der Zugend dargelegt — dem vorhin angedeuteten von hoch und niedrig eifrigst betriebenen Studium der Bibel und der Traditionsliteratur. Auf die hiedurch bewirkte Hebung der Geisteskräfte und den damit zusammenhängenden nimmer zu stillenden Wissensdurst ist die oft angestaunte Erscheinung zurückzuführen, daß unsre Glau-

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