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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 260

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 260 (sequence 44)
Language
German
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260 Die Posenrr Uersammlnng — Ansprache Direktor Sotzmann Lebensbrot äarreichen kann, muß der Religionsunterricht unsre Jugend mit den religiös-sittlichen Grundbegriffen, mit den prophetischen bsochgedanken von Gott und dem Menschen, von der Menschheit und Israel sowie mit den Forderungen bekannt machen, die sich daraus für die Lebensführung des einzelnen und der Gesamtheit ergeben. Auch in die Tiefe der Bibel einzudringen, muß der reifere Schüler lernen und zu der Erkenntnis geführt werden, daß ihre Grundlehren mit den sicheren Ergebnissen der Wissenschaft nicht im Widerspruch stehn. Schon das erste Blatt unsrer Bibel, das wir nie lesen können, ohne von der Erhabenheit der Darstellung ergriffen zu werden, das aber von verschiedenen Seiten nnßverstanden wird, enthält Gedanken, die ewigen Wert besitzen. So führt der Satz, daß der Mensch im Ebenbilde Gottes geschaffen ist, d. h. daß er einen göttlichen, heiligen Geist in sich iirägt, zu der obersten. Pflicht: in Gottes Wegen zu wandeln, das heißt nach unsrer Bibel, im Aufblick und in Liebe zu dem Ewigen Recht zu tun und Liebe zu üben. Rennt der psalmist — gemäß der Offenbarung, die unserm Lehrer Mose geworden — den Ewigen gerecht in all seinen Wegen und gütig in all seinem Tun-), so erwidert der Prophet Micha in einer ergreifenden Zwiesprache dem Volke, das ihn fragt: Womit soll ich dem Ewigen entgegenkonnnen, mich beugen vor dem Gotte der Höhe? und das dann äußere Opfer aufzählt, dein Volke erwidert der Prophet: Er hat dir gesagt, o, Mensch, was gut ist; und was andres fordert der Ewige von dir als Recht tun, Güte lieben und in Demut wandeln mit deinem Gotte?3) Und der Prophet Ieremia ruft, indem er dem religiösen Denken eine bedeutsame Bahn zeigt, dem Rönige Iojakim das Wort zu: Dein Vater hat Recht geübt und Gerechtigkeit und sich der Sache des Armen und Dürftigen angenommen; sieh, das heißt mich erkennen, ist der Spruch des Ewigen^) Die wahre Erkenntnis des Ewigen besteht hienach nicht-im Ergründen des Wesens des Ewigen, sondern in der Erfüllung sittlicher Forderungen. Den Ewigen erkennen bedeutet: das Tun des Ewigen erkennen und nachahmen, d. h. in seinen Wegen wandeln. von den Sätzen, die aufs deutlichste zeigen, daß dies eine Grundforderung der Bibel ist, seixn hier zwei angeführt, deren einer uns in die Zeit der Patriarchen, deren andrer uns in die messianische Zeit versetzt. Als die Aufgabe Abrahams wird im ersten Buche Moses bezeichnet, daß er seinen Rindern und seinem Hause nach ihm gebieten soll, daß sie innehalten den Weg des Ewigen, zu üben Gerechtigkeit und Rechts) und in der bekannten prophetischen Schau, die uns Iesaia3) und MichaH erhalten haben, heißt es: Und es wird geschehen in der Späte der Tage, da werden (zu dem Berge des Hauses des Ewigen) Völker strömen. . . und sprechen: 'Auf! lasset uns hinaufziehen auf den Berg des Ewigen, zu dem Hause des Gottes Jakobs, daß er uns von seinen Wegen lehre und wir auf seinen Pfaden wandeln. Daß auch hier das Wandeln auf den Pfaden des Ewigen als mit der Erkenntnis des Ewigen zusammenhängend zu denken ist, beweist der auf dasselbe Zeitalter bezügliche Satz des Propheten Iesaia:3) Nicht tun sie Böses und nicht handeln sie verderbt, denn voll ist die Erde der Erkenntnis des Erxigen, wie Wasser die Meerestiefen bedecken. 4) Kap. 22, 15 f. 5) Kap. 18, 19. 6) Kap. 2, 2 f. 7) Kap. 3, 1 f. 8) Kap. 11, 9. 2} 145, 17. 3| Kap. 6, 3—9.

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