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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 257

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 257 (sequence 41)
Language
German
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Air Pssener Versammlung — Ansprache Rechtsanwalt Karmpfer 257 Sch brauche hier nur an den Namen des Barons von Hirsch zu erinnern, um Shnen zu zeigen, daß solche Bestrebungen immer die Unterstützung des gesamten Judentums gefunden haben. Der Zionismus in seinem Wesen und in seinem Rern will die Schaffung eines jüdischen Nationalstaates, und das liberale Judentum will diese Schaffung eines jüdischen Nationalstaates nicht. Denn nicht das Nationale, sondern das Religiöse ist das die Sudenheit der ganzen Welt einigende Band; und nicht auf nationalen:, sondern auf religiösem Gebiete lag ntder Vergangenheit und liegt in der Zukunft die Mission des Judentums (lebhafte Zustimmung). Wir sind d'er Meinung, daß die Befähigung zur Staatenbildung den Bekennern der -jüdischen Religion nicht in dem besonderem Maße innewohnt, um mit dieser Befähigung einen neuen Staat zu bilden. Wir sind ferner der Meinung, daß die politischen Machtverhältnisse das Erreichen eines solchen Zieles von vornherein unmöglich machen, auch wenn wir von Zeit zu Zeit in der politischen Tages-, insbesondere auch in der Zionistischen Presse Nachrichten lesen, nach denen dieses Ziel angeblich wieder in greifbare Nähe gerückt ist. Aber, - selbst wenn die politischen Machtverhältnisse das Ziel des Zionismus möglich machten, wir würden es nicht für ein Glück halten; wir würden es nicht für ein Glück halten, wenn in der Türkei neben Montenegro und Serbien ein jüdischer Staat bestehen würde. Und weil wir das nicht wollen, sind wir grundsätzliche Gegner des Zionismus. Nun konnte man ja sagen, laßt diese Leute doch darin ihren Willen zum Judentum betätigen, laßt sie doch diesen nationaljüdischen Sdealen nachgehen, es ist eine Utopie, aber das Verfolgen einer Utopie bringt Euch doch keinen Schaden. Ja, so liegt die Sache aber nicht. Denn um dieses Ziel zu fördern und zu erreichen, betont dev Zionismus bei allen seinen Arbeiten das Gegensätzliche des. Judentums zu den Bekennern der christlichen Religion. Und der Zionist glaubt dem jüdischen Liberalismus,, den jüdischen Liberalen kein größeres Schmähwort an den Uopf werfen zu können als indem er ihn „Asfimilant" nennt. Meine Damen und Herren! Wenn der Zionismus das Assimilieren schlechtweg ablehnt, dann hat er kein Recht, teilzunehmen an der geistigen Uultur und der sozialen Lebensgemeinschaft der Gegenwart. Denn unser ganzer Lmanzipationskampf stellt einen ununterbrochenen Assimilationsprozeß dar. Ls ist heute Abend auch bereits von „jüdischer Ligenart" gesprochen worden, und der Zionismus, indem er den liberalen Juden als schwerstes Schmähwort das Wort „Asfimilant" l entgegenruft, macht dem liberalen Judentum zum Vorwurf, daß es für jüdische Ligenart kein Verständnis habe. Herr Dr. Vogelstein hat bereits aus der letzten Nurnmer der Zeitschrift „Deutsches Reich" zitiert, was Professor Goldstein-Darmstadt unter jüdischer Ligenart versteht. Sch möchte hier vielleicht einen Schritt weitergehen. Soweit unter jüdischer Ligenart die Summe jener hervorragenden. Eigenschaften zu verstehen ist, die jahrhundertlanges Festhalten an einer verfolgten Religion bedeutet, insoweit haben wir liberalen Juden auch ein großes Snteresfe an der Erhaltung der jüdischen Eigenart. Den jüdischen Familiensinn, den Wohltätigkeitssinn^ den möchten wir erhalten sehen (lebhafter Beifall). Aber, meine Damen und Herren, das ewige Betonen des Gegensätzlichen zu den Bekennern der christlichen Religion, das halten wir für falsch, das halten wir für ein Unglück im deutschen Judentum. Denn mit diesem Betonen des Gegensätzlichen wird nichts anderes gefördert, als jene Bestrebungen, die in Deutschland und in an-

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