Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 256

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 256 (sequence 40)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126500-3126511--1287-3128095
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

256 Are Nssrner Uerfammlung — Ansprache Rechtsanwalt Kaempfer warum arbeiten, sie an den gemeinnützigen und wohltätigen Werken im Judentum? — aus Interesse für das Judentum! An anderer Stelle hat einmal einer der verehrten Herren Vorredner, Herr Justizrat Blau, die Frage, aufgeworfen: Sollte bei jenen Männern und Frauen, die aus warmem Interesse bei den gemeinnützigen und wohltätigen^ Aufgaben des Judentums sich hervortun, das Interesse an der jüdischen Religion, an demjenigen, was das Judentum bisher erhalten hat, nicht soweit gehen, daß sie sich mit den Problemen dieser Religion beschäftigen? und wenn sie sich mit den Problemen der jüdi- - schen Religion beschäftigen, sollten sie dann nicht erkennen, daß nicht' in der Uebung äußerer Betätigungsformen, sondern in der reinen Gotteslehre des Judentums und in der Erhabenheit des jüdischen Sittengesetzes die Kraft und das Wesen des Judentums liegen? Wir, das liberale Judentum, geben die Hoffnung nicht auf, daß diese Männer und Frauen auch dem Religiösen im Judentum Interesse und Liebe abgewinnen werden. Es ist heute abend auch schon die Rede gewesen von dem Kreise derjenigen, die die Aufrechterhaltung aller Riten und Zeremonien fordern, obwohl sie selbst innerlich diesen Dingen entfremdet sind. Es sind diejenigen, die heute zum großen Teil sich der sogenannten Mittelpartei zurechnen, und das „Mittel" zur Erhaltung des Judentums darin finden, daß sie selbst zwar von aller Religion nichts halten, aber für die Gemeinschaft die Aufrechterhaltung aller religiösen Institutionen und Riten fordern. Gleichsam als. ob die Gemeinschaft etwas anderes wäre, als die Summe der Einzelnen; gleichsam als ob die Einrichtungen und Gebräuche, die ihre läuternde und erhebende Wirkung auf den Einzelnen nicht mehr ausüben können, ihre Zauberkraft für die Gemeinschaft behalten hätten. Meine Damen und Herren! Es gibt dann noch eine andere Gruppe: die macht dem Liberalismus den Vorwurf, er leiste halbe Arbeit. Wir hören unter denjenigen, die sich. als unsere Freunde ausgeben, häufig den Vorwurf: Euer Programm und Euere Betätigung ist Halbheit. Und wenn wir diese Herren und Frauen fragen: Warum ist es Halbheit? dann erhalten wir die Antwort, weil Euer Programm, Euere- Richtlinien nicht energisch und bestimmt genug auftreten. Indessen, wenn wir dieser Antwort nachgehen, so erfahren wir, daß uns das Prädikat des „Ganzen", des „Unentwegten" von diesen Kritikern nur zuerteilt werden würde, wenn wir alles Religiöse aus dem Programm des liberalen Judentums streichen. Demgegenüber muß das liberale Judentum betonen, daß es auf historischem Boden stehend eine religiöse Partei ist' und bleiben will, eine religiöse Partei, die kein Vpfer des Intellekts von ihren Bekennern fordert, aber eine religiöse Partei. Die Verflachung des religiösen Lebens, die Entfremdung vom Kern und Wesen der jüdischen Religion ist meines Dafürhaltens auch Grund und Veranlassung, daß ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Iudenheit dem jüdisch-nationalen Ideal nachjagt. Der Zionismus hat auf dem Baseler Kongreß dem liberalen Judentum den Krieg bis aufs Messer erklärt. Meine Damen und Herren! Der Zionismus weiß, warum er das getan hat. Soweit unter dem Namen Zionismus Bestrebungen am Werke find, die darauf hinzielen, das Unglück unser osteuropäischen Glaubensgenossen zu lindern, soweit diese Bestrebungen darauf gerichtet sind, unsere osteuropäischen Juden in anderen Staaten zu kolonisieren, haben sie von keiner Seite des Judentums jemals 2lnfechtung erfahren. (Sehr richtig!) Aber meine Damen und Herren,, das ist nicht das eigenste Werk des Zionismus.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.