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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 255

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 255 (sequence 39)
Language
German
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Nie Posener Versammlung — Ansprache Rechtsanwalt Kaempfer 255 Nun wird dem liberalen Judentum entgegengehalten : Ls gibt aber doch noch einen Kreis von Juden, für den diese pflege der Riten und Zeremonien etwas Hohes und Weihevolles ist, der darin seine volle Befriedigung findet, es gibt noch ein orthodoxes Judentum, und dieses orthodoxe Judentum muß euch doch Beweis sein, daß die Orthodoxie allein der Erhaltung der südischen Religion dient. Meine Damen und Herren! Das liberale Judentum weift es weit von sich, der religiösen Betätigungsform der echte?!, wahren Orthodoxie irgendwelche Hindernisse zu bereiten, oder über die Erscheinungsformen der Orthodoxie irge??dwie verächtlich zu denken. Aber das liberale Judentum ko??nte keinen stärkere?? Be?veis seiner Toleranz, seiner Achtu??g vor der Denkart der Orthodoxie geben, als durch den in der heutigen Vormittagstagung einmütig gebilligten Latz in den Richtlinie?? ' der liberalen Rabbiner: „Ge-???eindei??ftitutio??e??, welche auch nur eine Minderheit 'i?? der Gemeinde zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse braucht, si??d unbedingt zu erhalten." — Das ist ein Latz, der die Toleranz des Liberalismus gegenüber der Orthodoxie in das hellste Licht stellt, n??d es wäre gewiß ein Legen, wenn wir einen ähnlichen Latz einmal von der Drtl^odorie zu Gunste?? des Liberalismus hörten. (Bravo!). . Aber, meine Da?nen u??d Herren, wer der Entwicklung der Dinge nicht blind gegenübersteht, der kan?? sich der Erkenntnis nicht verschließe??, daß die Zahl der ivahrhaften, echten Orthodoxen?>on Jahr zu Jahr geringer wird,??nd es gehört keine Prophetengabe dazu, um zu erkennen, daß nach Verlauf einiger weiteren Jahrzehnte die Orthodoxie einen an Zahl beachtliche?? Faktor im deutschen Judentum überhaupt nicht mehr bilden wird. Was soll dann mit jenen Tausenden geschehen, die der Orthodoxie entfremdet, auch dem Judentum entfremdet sind u??d tx>m Judentum abfallen, wenn nicht äußerlich abfallen, indem sie das Judentum verlassen, so doch innerlich mit dem Judentum als Religion vollkommen gebrochen haben. Lcho?? jetzt sehen wir ja in fast allen Gemeinden einen großen Kreis von Männern??nd Frauen, die den Willen zum Judentum haben und diesen Willen dadurch betätigen, daß sie an gemeinnützigen und rvohltätigen Arbeiten sich beteiligen, — Männer und Frauen, die de?n Religiösen im Judentum vollkommen entfremdet sind,??nd trotzdem den Willen z??m Judentum d??rch gemeinnützige, soziale Arbeit betätigen. Das liberale Judentum schätzt die Arbeit dieser Männer????d Frauen ungemein hoch; wir wissen das Verdienst aller derer zu würdigen, die an der Lpitze??nd in dem Mittelpunkt der großen 'jüdischen Organisationen stehe?? und arbeiten. Aber wir wollen doch nicht verkennen, daß Wohlt??n und gemeinnütziges Arbeiten allein der Erhaltung des Zudentr?ms nicht dienen. Lolange wir in Deutschland??m die D??rchführung der uns verfassungsmäßig garantierten staatsbürgerlichen Gleichberechtigung noch kämpfen müssen, solange die verfolgten osteuropäischen Glaubensgenossen besonderen wirtschaftlichen Aufwand fordern, solange mag es allerdings in gewissem Umfange eine Betätigung des Willens zum Judentum bedeuten, wenn hier gemeinnützig gearbeitet und Wohltat geübt wird. Aber der Kampf un? die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, so schwer er ist, er geht vorwärts, und der Tag wird kommen, an dem die staatsbürgerliche Gleichberechtigung des Judentums in Deutschland durchgefuhrt, das Los unserer unglücklichen östlichen Glaubensgenossen gebessert sein wird. Dann fehlt diesen Männern und Frauen, die den Willen zum Judentum haben, das Feld ihrer Betätigung, und ich frage namens des jüdischen Liberalismus jene Männer und Frauen:

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