Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 254 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Mir Pssener Versammlung — Ansprache Rechtsanwalt Kaempfer Reich" einen vorzüglichen Aufsatz von Prof. Goldstein gelesen. Lin Wort aus diesem Aufsatz lassen Sie mich zitieren: „Ls ist heute so viel die Rede von der Erhaltung unserer Eigenart: die einzige, die in weltgeschichtlichem Sinne wert ist, erhalten und nicht nur erhalten, sondern zu neuem Leben erweckt und gestärkt zu werden, ist die sittlich religiöse Ligenart unseres Stammes." Diese wollen wir Liberalen erhalten, zu neuem Leben erwecken und stärken. Von der Neubelebung dieser weltgeschichtlich bedeutsamen Ligenart aus wird dann neues Leben in alle Adern des Judentums strömen. (Stürmischer Beifall.) Rechtsanwalt Ar. Kaempfer-Posen. Angriffe auf das liberale Judentum. Meine hochverehrten Damen und Berren! Wenn das Wort noch Geltung hat: „viel Feind, viel Lhr", dann darf das liberale Judentum stolz sein auf die Fülle der Ehrungen, die sich über dasselbe häufen. So wenig innere Beziehung Orthodoxie und Zionismus haben, in der Feindschaft und im Angriff gegen das liberale Judentum find sie einig, und ganz besonders seitdem das liberale Judentum vor wenigen Zähren sich in der Vereinigung eine machtvolle Organisation geschaffen hat, ist das liberale Iudentum der unausgesetzte Mittelpunkt von Angriffen seitens der Orthodoxie und seitens des Zionismus geworden. Die Orthodoxie wirft dem liberalen Judentum vor, es zerstöre das Judentum, es führe vom Judentum ab, zur Taufe, es sei etwas dem Judentum fremdes, künstlich hineingetragenes. Wäre das richtig, das liberale Judentum verdiente den Vorwurf. Aber es ist unhistorisch und falsch. Das Wesen des Judentums, das in seiner Lehre vom reinen Monotheismus besteht, das seine Wurzel hat in dem hehren jüdischen Sittengesetz, das war allerdings zu allen Zeiten unveränderlich: Aber die Wandelbarkeit der äußeren Betätigungsformen ist nicht etwas erst von der modernem Organisation des jüdischen Liberalismus in das Judentum chineingetragenes. War denn die Zeit der Propheten im Judentum eine Zeit der unwandelbaren äußeren Betätigungsformen? Erst seit dem Mittelalter, seit der Kodifikation des jüdischen Religionsgesetzes im Schulchan - Aruch sind die Riten und Zeremonien, die äußeren Erscheinungsformen, allmählich zum Wesen der jüdischen Religion gemacht worden; man übte und pflegte diese Riten und Zeremonien mit einer Peinlichkeit und Gewissenhaftigkeit, daß es erscheinen konnte, als ob sie das Wesen des Judentums ausmachten. Das mochte angehen, solange die Juden ohne volle Anteilnahme an den staatsbürgerlichen Rechten der Völker, unter denen sie leben, und auch äußerlich von den Bekennern anderer Religionen getrennt, im Ghetto lebten. Damals haben sie mit der peinlichen und gewissenhaften Erfüllung der Riten und Zeremonien das schmiedeeiserne Band zur Erhaltung des Judentums gebildet. Aber es konnte nicht von Bestand sein, als die Juden eintraten in die geistige Kultur und in die soziale Lebensgemeinschaft der Gesamtheit und durch tausend Fäden verknüpft wurden mit den staatsbürgerlichen, wirtschaftlichen, geistigen und künstlerischen Verhältnissen der sie umgebenden Mitwelt. Und was war die Folge? Man begann die Pflege jener Riten und Zeremonien, die sich mit dem Leben des Ghetto vertrugen, allmählich einzustellen, und da man gewöhnt war, die Pflege dieser Riten und Zeremonien als das Wesen der Religion zu betrachten, so gewöhnten wir uns allgemach daran, wenn wir diese Riten und Zeremonien nicht erfüllten, uns als Juden zu betrachten, die aufgehört hatten, religiös zu sein. Auf diesem Wege trat jene Entfremdung vom Judentum ein, die weite Schichten des deutschen Judentums heute erfüllt.