Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 253 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Are Pssener Versammlung — Ansprache Ar. Nogelstein 253 Verödung hat am meisten auf die Frauenwelt wirken müssen. Die moderne jüdische Frau hat nun einmal nicht das Verständnis für die Bedeutung vieler alten Formen und kann es nicht haben. Aber sie ist geistig heute auf anderer Höhe und ihr Gemütsleben ist heute so reich wie in alten Zeiten. Sie wird das volle Verständnis rasch wiedergewinnen für den unendlichen Wert des Judentums; denn das liberale Zudentum ist ihrem gesamten Leben faßbar. Und wir fordern die gleiche Beteiligung und Betätigung der Frau, wir lassen sie nicht zurückstehen. Wie sie im Dienst der Wohltätigkeit wirkt, so soll und wird sie mit uns Religion in Herzen und Däusern schaffen. Religion schaffen bei der Zugend. Die Zugend wieder religiös zu machen, sie für das jüdisch-religiöse Zdeal zu erwärmen, ist unsere Hauptaufgabe. Hier hat sich die schöpferische Kraft des Liberalismus bereits bewährt, hier wird sie sich weiter bewähren; denn die kommende Generation erobern können wir nur mit einem Zudentum, das der kommenden Generation nahe liegt, nicht mit einem Zudentum, das in mittelalterliches Gewand gekleidet ist. Doch diesen wichtigsten Punkt habe ich nur andeuten wollen. Tr wird nachher seine gesonderte Behandlung finden. Schöpferisch wird der Liberalismus so wirken in den Gemeinden. Nicht allein mehr Verwaltung und Wohltätigkeit, soziale Fürsorge und Kampf um unser Recht — altes Fragen, deren Bedeutung nicht angezweifelt werden soll — sondern religiöse Fragen und die Förderung religiöser Znteressen muß wieder der Angelpunkt des jüdischen Gemeinde- und Gemeinschaftslebens sein. Wir haben als Zuden alle die anderen Znteressen zu fördern, aber wir sind Zuden, weil das Zudentum unser religiöses Bekenntnis ist. Die Förderung der Religion und des religiösen Geistes kann aber nicht Lediglich bestehen in der sorgsamen Aufrechterhaltung der alten Znstitutionen, die Pflicht ist und bleibt, sondern vor allem in Maßnahmen, die uns und unserer Zeit und der kommenden Generation das Zudentum als etwas Lebendiges, Zugendfrisches und Belebendes erhalten. Nicht Hüter altertümlicher Sehenswürdigkeiten, sondern die Bewahrer eines lebendigen Gutes sind unsere Gemeinden. Tragt liberalen Geist hinein, und das religiöse Leben wird aufblühen, das müde greisenhafte Verzagen wird aufhören: es nützt ja doch alles nichts. Nein, man wird einsehen lernen, daß auch Religion wieder geschaffen und verbreitet und vertieft werden kann. Weil wir an diese schöpferische Kraft des Liberalismus für das religiöse Leben glauben, weil diese Zdeen des Liberalisinus die Zdeen des Zudentums sind, wie wir es empsinden, darum haben wir liberalen Rabbiner uns freudig mit unserer ganzen Persönlichkeit in den Dienst der Sache gestellt, ohne unserer Pflicht gegen die Andersdenkenden zu vergessen. Man hatte sich daran gewöhnt, irgend welche Neuerungen den Rabbinern geradezu abringen zu müssen, es galt schon fast als Axiom, daß der Rabbiner gewissermaßen der Hemmschuh sein müsse, und man verstand es nicht recht, wenn der Rabbiner selbst Anregungen gab, um das religiöse Leben in neuer Form zu beleben. Der Rabbiner hatte fast aufgehört der religiöse Führer zu sein. Die Festigung des liberalen Gedankens wird diesen unnatürlichen Zustand beseitigen und damit dem religiösen Leben dienen. Uns lodert im Herzen die heilige Begeisterung für das Zudentum, wir wollen nichts als seine religiöse Förderung und Vertiefung, und wir stellen uns gern in die vorderste Reihe, weil wir überzeugt sind, daß nur liberales Zudentum uns die Zuden religiös wieder gewinnt. Auf der Reise hierher habe ich in dem neuesten Hefte der Zeitschrift „im Deutschen