Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 252

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 252 (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126500-3126511--1283-3128091
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

252 Are Kosrner Uersammlung — Ansprache Ar. Uogrlstein vor einer vielhundertköxfigen Zuhörerschar, die sich aus allen Kreisen rekrutiert, an einem "freien Sonntag Nachmittag über religiöse Fragen sprechen dürfen — wer hätte sich noch vor wenigen Jahren das träumen lassen! Es ist das instinktive Empfinden, daß der Liberalismus allen etwas zu bieten hat. Aber der Liberalismus hat bereits mehr -geleistet. Inmitten der organisatorischen Schwierigkeiten der neuen Vereinigung, inmitten der Kämpfe hat er die Kraft gefunden, Nichtlinien zu einem tief religiösen Programm zu schaffen, zusammenfassend, was die großen Geister des vorigen Jahrhunderts einzeln erarbeitet haben, den Boden bereitend für weitere 'Arbeit. Gewiß, wir wollen manches beseitigen, aber nicht um Religion zu zerstören, sondern um Licht und Luft zu schaffen; denn unser Ziel ist ausgesprochenermaßen positiv. Es sind ruhig und wohl überlegte Worte, aber Worte mit unserem Herzblut geschrieben. Das ist Religion, die in das moderne Leben hineinpaßt und dem Leben Schwung und Weihe gibt. Aber das ist nur der Anfang, nur das Fundament. Jetzt muß die Arbeit einsetzen, und es wird sich 'bewähren, daß der Liberalismus den Funken der Religiosität in den Herzen wieder entfachen wird, den Hunger der Seelen zu stillen imstande sein wird. Zn langsamer Arbeit werden wir die Herzen wiedergewinnen. Wir können es ihnen zeigen, wie Religion und Wissenschaft, Religion und Leben nicht Gegensätze sind, wir kehren es, daß die Frömmigkeit nicht nach der Elke gemessen wird, daß das tiefreligiöse Empfinden des Innern der Maßstab aller Frömmigkeit ist. Der Liberalismus und er allein kann das erreichen, weil er die Menschen zu religiös selbständigen Persönlichkeiten mi dem lebendigen Gefühl ihrer religiösen Selbstverantwortung erzieht. Wir haben dieses Moment, das sich aus den Richtlinien des liberalen Rabbinerverbandes bereits ergab, in dem 3. Absatz der heute Vormittag angenommenen Resolution deutlich zum Ausdruck gebracht. Nicht die Willkürlichkeit des religiösen Lebens, nicht ein Bequemlichkeitsjudentum will der Liberalismus. Aber er will der Individualität, der Persönlichkeit zu ihrem Recht verhelfen, stellt einen jeden vor die Aufgabe der ernstesten Prüfung, was für sein religiöses Leben, für den Ausdruck oder die Belebung seines religiösen Empfindens auch an äußeren Formen von Wichtigkeit ist. In dem Wort Religion sind zwei Begriffe vereinigt: das religiöse Empfinden ünd dieUeberzeugung des Einzelnen und wiederum das religiöse Gemeinschaftsleben der Gesamtheit. Wie der Einzelne als religiöse Persönlichkeit sich zu den Forderungen des letzteren verhält, das muß seiner Ueberzeugung anheimgestellt werden, die bei gleichen Grundanschauungen individuell verschieden sein kann. Wir können nur eine Richtschnur, Richtlinien, geben. Und ist eine religiöse Gemeinschaft nicht größer, wenn der freie Wille der Einzelnen sie zu religiöser Betätigung führt, als wenn es die blinde Unterwerfung unter gegebene Vorschriften ist? Der orthodoxe Jude fragt den Schulchan aruch und fügt sich seinen Forderungen. Der Liberalismus schafft uns religiöse Persönlichkeiten und festigt dadurch die religiöse Gemeinschaft. So schafft der Liberalismus wieder Religion in den von allem Religiösen verödeten Häusern. Denn wir werden die Religion in die Häuser hineintragen können, weil wir sie nicht an Formen haften lassen, die unserer Zeit nichts sagen, sondern weil wir die Formen des modernen Lebens religiös nutzbar machen, weil die religiösen Persönlichkeiten sie selbst hineintragen werden. Die Voraussetzung hierfür ist, daß wir die jüdische Frau für die Religion wiedergewinnen. Die oben skizzierte religiöse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.