Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 251 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3126481-3126500-3126511--1282-3128090- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
251 Me Posenrr Uersummlung — Ansprache Dr. Uogelstein Das Gleiche gilt von geordnetem Gesang im Gottesdienst. Der Synagogenchor war eine liberale Einrichtung, die Anhänger des Alten haben kopfschüttelnd und widerwillig darauf verzichtet, die Stellen für "die Gemeinde in chaotischem Durcheinander zu schreien. Heute würden sie die alten Zustände nicht zurücksehnen. Es ist eben eine Erscheinung, die wir auch'in der politischen Geschichte — ich denke namentlich an England — oft beobachten können, daß die am heftigsten bekämpften liberalen Fo r d e r u n g e n n a ch e i n i g e r Z e i t au ch von den anderen verwirklicht werden. wir Liberalen gehen weiter, wir haben unfern Gottesdienst durch Grgel und durch deutsche Gebete und Lieder weihevoller gestaltet. Sind das nicht alles liberale Schöpfungen? Die Konfirmation der Mädchen, die weihevolle Ausgestaltung der Barmizwafeier, das alles ist liberale Schöpfung. Das orthodoxe Judentum kannte keinerlei Feier beim Eintritt des Mädchens in das reifere Alter und die Barmizwa war vielfach derartig, daß dem Knaben die weihe und Bedeutung nicht zum Bewußtsein kommen konnte. Heute ist nicht nur weihevolle Barmizwafeier, sondern auch 'feierliche Entlassung der Mädchen bis tief in konservative Gemeinden hinein üblich geworden. Und das sind wahrlich nicht leere Formen. Denn wer religiöse Ideen und religiöse Wärme wecken und beleben will, der weiß, daß es dazu der äußeren Form bedarf. Nur seltsam, daß eben dieselben, die dem Liberalismus die Beseitigung von Formen zum Vorwurf machen, d i e Formen als etwas Aeußerliches bezeichnen, die der Liberalismus geschaffen hat. Als ob sie weniger Kraft hätten, fromme Gesinnung zu erzeugen als die alten Formen! Und noch ein Gebiet muß ich erwähnen: den Religionsunterricht. Es ist hier nicht der Grt, eine eingehende geschichtliche Darstellung zu geben. Aber das sei festgestellt, daß der Religionsunterricht eine liberale Schöpfung ist, daß der Religionsunterricht von den Anhängern des Alten ebenso leidenschaftlich befehdet wurde wie die deutsche predigt. Die Liberalen sind es, die den Religionsunterricht zur Gemeindeangelegenheit gemacht haben; denn ehedem war es jedem Hausvater überlassen, seine Söhne im Hebräischen unterrichten zu lassen — eine Darstellung dessen, was das Judentum lehrt, haben sie nicht erhalten. Und die Töchter wuchsen ohne wirkliche religiöse Unterweisung auf. wer das für übertrieben hält, der lese die Vorrede zu Isaak Euchels Uebersetzung des Gebetbuchs, seine Widmung an Demoiselle Friedländer, der unterrichte sich über die Unterrichtsbestrebungen der Schüler Mendelssohns. Der Kampf gegen den Religionsunterricht ist in manchen Gemeinden — ich denke dabei besonders an Königsberg, dessen Entwicklung im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts charakteristisch ist — erfolgreich gewesen. Francolm mußte .weichen. Heute wetteifern alle religiösen Richtungen im Judentum mit einander in der Förderung und j)flege des Religionsunterrichts. Aber wir dürfen mit Stolz behaupten, daß der Religionsunterricht eine liberale Schöpfung ist. Und ich meine, hätte der Liberalismus bisher weiter nichts geschaffen als den Religionsunterricht, so hätte er damit seine schöpferische Kraft bewährt. Der Liberalismus hat sich eine Organisation geschaffen: Eine Vereinigung über ganz Deutschland lediglich zur Verfolgung religiöser Ideale! Die Benutzung der nun einmal im modernen Leben wirksamen Formen, zu .dem ausgesprochenen Zwecke, das religiöse Leben zu wecken und es so zu gestalten, daß es den Menschen wirklich Befriedigung schafft? Und wenn wir heute hier in dieser Versammlung