Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 250 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Aie Pssrner Versammlung — Ansprache Ar. Uogelstrin in ihrer alten Ausprägung allein unverändert inmitten dieser Umwälzungen schien im Widerspruch zu stehen mit allen wissenschaftlichen Errungenschaften, mit den allgemeinen Anforderungen der neuen Zeit. Das innere Verhältnis der Menschen zur Religion hatte sich verändert, weil die Menschen andere geworden waren, die Beziehung hatte sich gelöst. Mir hatten ein geradezu religionsloses Zeitalter. Aber der Verlust der Religion ist auf die Dauer nicht zu ertragen. Der Materialismus hat abgewirtschaftet, und seit etwa einem vierteljahrhundert können wir das Suchen der Zeit nach einem höheren, Geist und Gemüt befreienden und befriedigenden Znhalt beobachten. Zch brauche die einzelnen tastenden Versuche nicht aufzuzählen. Es ist wie das alte Prophetenwort sagt, von dem junger, der auf Erden gekommen, daß man Länder und Meere durchzieht und doch nicht findet, was man sucht. Religion kann inan nicht neu schaffen; aber die alte Religion so gestalten, daß das Sehnen der Zeit befriedigt wird, das kann nur der Liberalismus. .Die Orthodoxie ist an das alte gebunden; nur widerwillig und vielfach sich selbst unbewußt folgt sie der Entwicklung, aber- Religion wieder neu erwecken, das kann sie nicht. Man mag mit noch so viel tiefsinnigen Deutungen manche Bräuche verbrämen: den modernen Menschen dadurch für die Religion wiedergewinnen wird man nicht. Aber der Liberalismus kann die Menschen wiedergewinnen und chat bereits begonnen. Ein großer preußischer Staatsmann hat einmal gesagt: „Wenn inan die Zeit nicht nimmt, wie sie ist, und das Gute daraus ergreift und in seiner Entwicklung fördert, dann straft die Zeit." Sehen wir uns doch die religiöse Entwicklung genauer an. von welcher Seite ist denn so vieles im.letzten Jahrhundert geschaffen worden, was das religiöse Leben setzt aufweist? Die Antwort lautet und muß lauten: vom Liberalismus, vor wenigen Tagen hat mir ein junger Mann von dem Gottesdienst erzählt, den er an den hohen Feiertagen in seiner kleinen bjeimatgerneinde mitgemacht hat. Er erzählte von der Unruhe, dem Mangel jeglicher Ordnung, von dein Mangel alles dessen, was irgend erhebend und befreiend auf Geist und Gemüt wirken könnte. Der Vorbeter betete das ganze Machsor ab. Von der Gemeinde verstand niemand, was gebetet wurde. Das sind Zustände, wie wir sie heute nur in den kleinsten Zwerggemeinden finden. Ueberall sonst, in liberalen wie in konservativen Gemeinden wird auf Ordnung und Anstand, auf Würde im Gotteshause gesehen — daß da oft noch vieles zu bessern ist, bedeutet nichts gegenüber der ungeheuren Verbesserung im ganzen. Wer aber hat das geschaffen, daß es uns selbstverständliches Erfordernis ist? Zn Kämpfen ist es errungen worden, in Kämpfen, die von liberalen Männern' geführt worden sind. Die deutsche predigt, die heute auch in den orthodoxen Gemeinden ganz allgemein ist, die, wie in alter Zeit, die religiöse Belehrung 'in den Mittelpunkt des Gottesdienstes stellt, ist eine Errungenschaft der Liberalen, von Seihen derer, die angeblich das echte Judentum gegenüber den Reformbestrebungen verteidigten, hat man mit allen Mitteln die Einführung der deutschen predigt zu verhindern, ihre Beibehaltung unmöglich zu machen gesucht. Man hat die Regierung angerufen, um diese sektiererischen Neuerungen zu beseitigen. So ist es in Berlin, in Königsberg, in Breslau gewesen., Heute gibt es keine nennenswerte Gemeinde, in der nicht die deutsche Predigt selbstverständlich wäre. Aber erkämpft hat sie der Liberalismus, erkämpft ^nicht für sich allein, sondern auch für die konservativen Kreise.