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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 249

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 249 (sequence 33)
Language
German
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Die Pofener Versammlung — Ansprache Ar. Kogrlstein 249 rische Kraft nach meiner innersten Ueberzeugung eben nur dem religiösen Liberalismus innewohnt. Schöpferische Kraft. Ich höre den spöttischen Einwand: was kannst du, armer Teufel, geben? Hast du das Heilnüttel gefunden, um das kranke Judentum wieder gefunden zu lassen? wir erheben nicht den Anspruch, ein Heilmittel gefunden zu haben, um den ganzen Komplex der verschiedenen jüdischen Fragen zu lösen, wir sind sogar so anmaßend und.so skeptisch, zu meinen, daß auch andere ein solches Heilmittel nicht gefunden haben und nicht finden können, auch wenn sie es mit noch so viel Applomb behaupten. Aber auf einem Gebiete wollen wir der Not des Judentums steuern, und auf diesem Gebiet wird der Liberalismus seine schöpferische, neugestaltende Kraft bewähren: auf dem religiösen Gebiet. Auf diesem Gebiete hat das Judentum sich in der Vergangenheit schöpferisch bewährt, dem religiösen Genius Hes Judentums verdankt die Menschheit das Größte auf religiös-sittlichem Gebiete, das.ist unser eigenstes Gebiet, unser geistiger Heimatbodeir, von hier aus wird der Liberalismus die religiöse Erneuerung, die Neuschöpfung und Neubelebung des Judentums bewirken. Aber auch das sei vorweg gesagt, wir wollen auch hier nicht aus dem Nichts schaffen, nicht wurzellos einen neuen Baum hinstellen, sondern das alte neu beleben, die Religion, die aus der Vergangenheit herausgewachsen ist, in der Gegenwart wirksam und lebendig machen, wir wollen nicht Liberalismus schaffen, sondern Judentum, aber lebendiges Judentum können wir nur schaffen durch den Liberalismus. Die salbungsvolle Klage hilft nichts von der religiösen Innigkeit früherer Zeiten, die nun vollständig geschwunden ist, von den: Zauber der alten religiösen Bräuche, der unwiederbringlich dahin ist. Um Vergangenes klagen ist ein eitles Gebet, sagt der Talmud. Klagen und die Hände in den Schoß legen, ohne etwas zur Besserung zu tun, ist unmännlich und unwürdig, will man aber bessern, so muß man die Ursachen zu erkennen suchen, die den ungesunden Zustand herbeigeführt haben. Der Kurpfuscher wendet seine Mittelchen an, um diese oder jene Krankheitserscheinung zu bekämpfen : der Arzt bekämpft die Krankheit selbst und geht auf die Ursachen der Erscheinungen ein. Die Tatsache, daß viele Formen und Bräuche geschwunden sind, daß die Religiosität nicht in der intensiven weise lebendig ist wie in alten Zeiten, ist zuzugeben. Die Erscheinung ist allgemein, nicht nur im Judentum. Nur skizzenhaft will ich die Ursachen 'andeuten. Seit der Mito des s8. Jahrhunderts haben sich auf allen Gebieten des Lebens Umwälzungen von grundstürzender Wirkung vollzogen. Auf technischem und wirtschaftlichem Gebiete können wir uns . in die alten Zeiten gar nicht' mehr hineindenken, die politische und soziale Struktur ist von Grund aus verändert, das Bildungs- und Kulturniveau ist riesenhaft in die Höhe geschnellt. Zum großen Teile sind diese Umwälzungen eine Folge des ungeheuren Aufschwungs der exakten wie der Geisteswissenschaften.7 Das alles mußte die geistige und seelische Struktur des neuzeitlichen Menschen von Grund aus verändern. Und in dem allen blieb die Religion, wie sie gewesen war, und wurde den Menschen fremd. Unter der Einwirkung des aufkonunenden Materialismus und des erneuten wifsensämftlichen Aufschwungs, der glänzenden technischen Leistungen und der völligen Umbildung der sozialen Schichtungen mußten diese Wirkungen um so verheerender zutage treten, und zwar ganz naturgemäß ani schärfsten in der bürgerlichen Bildungsschicht, der die deutsche Iudenheit ihrer überwiegenden Mehrheit nach angehört. Die Religion

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