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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 245

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 245 (sequence 29)
Language
German
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Nie Pssrnrr Versammlung — Ansprache Justizrat Alan 245 im Kern das Wesen erblickt, ohne den Wert der Schale gering zu schätzen; ein Judentum, das als die unhaltbaxste und in jedem Betracht ungesundeste Richtung diejenige ansieht, die man gemeiniglich die Partei der Schinkenorthodoxen nennt, deren Anhänger Alles beim Alten gelassen wissen wollen, ja dein orthodoxen Judentum zuweilen eine romantische Träne nachweinen können, ohne ihm doch in ihrem und ihrer Rinder Leben auch nur die geringste verpflichtende Kraft beizumessen. Mb die Mrthodoxie in der Provinz ein Recht hat, über solche Arbeit des religiösen Liberalismus sich zu ereifern oder sie gar zu hemmen? Wahrlich, sie hat Zeit und Gelegenheit genug gehabt, und hat sie auch heute und in aller Zukunft noch, auf diese Kreise und deren Zugend in ihrem Sinne einzuwirken. Sie hat bislang sogar das Privilegium gehabt und hat nicht vermocht, sie cm sich zu fesseln, und es nicht vermocht, trotzdem die sog. traditionelle Gesetzestreue mehr als früher betont wird, trotzdem die orthodoxen Rabbiner auch hierzulande glaubten, sich zu einem Bunde traditionell gesetzestreuer Rabbiner zusammenschließen, zu müssen, um die Thora zu wahren. Ts wäre nicht blos Intoleranz, ja es wäre sogar, ein Vergehen am Judentum und an seiner Zukunft, wollte sie den jüdischen Liberalismus daran verhindern, seinerseits sich an eine Aufgabe zu wagen, deren Erfüllung dem Judentum verlorene wiederzugewinnen und neue Kräfte zuzuführen-vermag. vor, allem möchte ich wünschen und hoffen, daß der jüdische Liberalismus hieran nicht gehindert werde durch eine gewisse Spielart der Orthodoxie, die sich jetzt auch hierzulande Eingang zu verschaffen sucht, jene Spielart, die hier kaum gekannt, jedenfalls nicht anerkannt war, die alle diejenigen aus dein Judentum ausgeschlossen sehen möchte, die den Schulchan Aruch nicht als absolut verbindlich anerkennen und ihm nachleben, die ausgesprochenermaßen diejenigen Juden lieber sieht, die alles, was Judentum heißt, über den Saufen werfen, als die „Neologen", wie sie die nennen, die auf dem Boden unserer Richtlinien, auf dein Boden des liberalen Judentums stehen. Und damit habe ich eine Gefahr gekennzeichnet, deren Vermeidung oder Beseitigung - eine zweite große Arbeit des organisierten jüdischeii Liberalismus für die Gemeinden dieser Provinz bildet, eine Arbeit, zu der sie aller durch die Erfüllung der ersten Aufgabe gewonnenen Kräfte dringend bedarf. Jene Spielart der Orthodoxie, die ursprünglich nur in Süddeutschland bekannt, dort in der sog. freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums organisiert und bis vor einem Jahrzehnt noch auf Frankfurt und einige wenige an--- dere Gemeinden in seiner Umgebung zurückgedrängt war — jene Spielart, die man separatistische Orthodoxie nennt, weil sie den Austritt der orthodoxen Elemente aus den Gemeinden predigt und vollzieht, in denen auch nichtorthodoxe Elemente sich befinden und Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse fordern und erhalten, im Gegensatz zu der sog. Gemeindeorthodoxie, die nichts dagegen hat, in einer Gemeinde und unter der gleichen Verwaltung mit den Nichtorthodoxen zu lebeii, auch wenn deren religiösen Bedürfnissen in deren Weise Rechnung getragen wird, wenn man nur ihnen, den Orthodoxen, selber Genüge leistet. Jene intolerante Spielart hat in dem letzten Jahrzehnt eine ungeahnte Stärkung erfahren. In dem Glauben, durch einen Zusammenschluß aller Orthodoxen in Deutschland der Orthodoxie einen größeren Einfluß zu verschaffen, und in der Hoffnung, die auch von ihnen verworfenen Separationsgelüste i n n e r h a l b der „freien Vereinigung" besser bekämpfen

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