Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 244 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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244 Are Pofener Versammlung — Ansprache Justizrat Staueinzig und allein ein Unglück bedeutet; die sich vielmehr offen und frei und mit Stolz zu ihm bekennen, sich zu ihren Glaubens¬ und Leidensgenossen halten, den großen Fragen des jüdischen Gegenwartslebens Interesse entgegenbringen, die sich aufrecht und würdig gegenüber den andersgläubigen Mitbürgern benehmen und ihre Jugend dem positiven religiösen Judentum, nicht entziehen. Geht doch nach der jahrzehntelangen Herrschaft eines öden Materialismus ein idealistischer, ja religiöser Zug wieder durch die gebildete deutsche Welt! Nicht mehr gehört es zum guten Ton, auf alle diejenigeti mit Geringschätzung als auf Dummköpfe oder Heuchler herabzusehen, die die Welträtsel noch immer nicht, weder durch Büchmann noch selbst auch durch bsaeckel gelöst ansehen. Im Gegenteil, der Idealismus, die idealistische Philosophie, die idealistische Weltanschauung haben einen neuen Siegeszug angerreten, und dieser ist dem Positivismus, der Religion so zu Gute gekommen, daß die bedeutendsten philosophischen Köpfe der Gegenwart — ich» erinnere nur an Gucken und an unfern Hermann Tohen — ihr eine hochwichtige, ja zentrale Bedeutung im Leben zusprechen und sie, — wie das unter den Philosophen, nicht zum wenigsten unter den jüdischen innner der Brauch gewesen — deuten, daß sie mit den Resultaten der modernen Wissenschaft sich im Ginklang-befinde. Km dies zu erreichen, müssen von der liberalen Organisation in diesen Kreisen, auch unter den Frauen und Mädchen, zunächst unsere Monatsblätter, die Zeitschrift für das liberale Judentum, und Bücher, etwa wie Abraham Geiger's Vorträge über das Judentum und seine Geschichte, Lmil Lehmann's gesammelte Schriften, Steinthäls gesammelte Aufsätze über Juden und Iudentum, Lazarus' Grneuerung bes Judentums, Hermann Tohen's Vortrag über die Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt in der Menschheit, Seligmann's und Lewkowitz's „Judentum und moderne Weltanschauung", Tlaude Montefiore's „Liberales Judentum" und die „Outlines of Liberal Judaism", die hoffentlich demnächst in deutscher Kebersetzung erscheinen werden, Gschelbacher's und Bäck's Gegenschriften gegen Harnacks Wesen des Thristentums über das Wesen des Judentums, . . . dann das Korrespondenzblatt des Verbandes der deutschen Juden, die Jahresberichte des Hilfsvereins der deutschen Juden, der K. I. U. und - der Ica verbreitet werden. Ich habe die feste Keberzeugung, daß so gar viele wieder zurückgeführt werden, die das offizielle Judentum, das ihnen bisher geboten wurde, nicht,an sich hat fesseln können, die in die Versuchung geraten, ja ihr vielleicht schon erlegen sind, den jüdischen positivismus, die jüdisch-religiöse Wahrheit zugleich mit der religiösen Kebung über Bord zu werfen, die. im alkerbesten Falle, weil sie als Juden geboren und so lange sie es noch sind, Trotzjuden sind, deren Kinder bei dem Gegensatz zwischen dem allenfalls gelehrten orthodoxen Judentum und dem, was sie zu Hause vor sich sehen, oder richtiger nicht vor sich sehen, der religiösen Verwahrlosung und oft sogar dem Abfall anheimfallen. Sie werden zurückkehren, wenn ihnen das Judentum in einer Beleuchtung gezeigt wird, die sie bisher nicht gekannt haben, die seine ewigen Wahrheiten umso Heller erstrahlen läßt, je weniger vordringlich seine althergebrachten Formen den ganzen Vordergrund einnehmen, ein Judentum, das ohne die der großen Vergangenheit und den vergangenen Geschlechtern schuldige Rücksicht und Pietät zu verletzen, auch der Gegenwart mit ihren stürmischen ideellen und materiellen. Forderungen ihr Recht einräumt, weil auch sie gottgegeben ist; das nicht in der Schale, sondern