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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 243

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 243 (sequence 27)
Language
German
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24a Me Posenrr Versammlung — Ansprache JuMrat Man Thema erschöpfend behandeln. Da mir für meinen Dortrag aber nur die knappe Zeit von 20 Minuten zur Verfügung steht und wir uns heute in der Provinz s)osen befinden, — deren Rind zu sein ich mich stets gerühmt habe und immer rühmen werde —, so möchte ich meine Betrachtungen auf den Txpus von Gemeinden beschränken, der in dieser Provinz vorzugsweise vertreten ist. <§s sind das Gemeinden, die offiziell und nach außen hin den traditionellen Tharakter gewahrt haben, die das Religionsgesetz in der traditionellen Auffassung oder richtiger in der Auffassung, die die letzten Jahrhunderte ihm aufgeprägt haben, offiziell als verbindlich betrachten und nach Möglichkeit ausüben, die aber, allem Liferertum abhold, jeden Radikalismus verwerfen, den orthodoxen nicht weniger wie den liberalen, und bei der Mahl des Rabbiners weniger dessen religiöse Richtung als seine Fähigkeit berücksichtigen, den Frieden in der Gemeinde zu erhalten. Kurz, Gemeinden, die sich durchaus in konservativem Fahrwasser bewegen, trotzdem sich in ihnen eine große, von Jahr zu Jahr sich mehrende Zahl Männer befinden, auch in der Verwaltung, oft an deren Spitze, die für ihre j)erson und deren Familie sich der traditionellen Uebung entschlagen haben, den Sabbath z. B. in voller Meffentlichkeit rächt mehr beobachten und es weit' von sich weisen, zur Orthodoxie gerechnet zu werden, welcher Richtung im Judentum dieselben zuzuweisen sind? Ja das ist sehr schweröder gar nicht zu sägen. Der bewußt liberalen aber, wie sie sich - in den „Richtlinien" dokumentiert, sicherlich nur sehr, sehrwenige, auch nicht unter den akademisch Gebildeten. Denn unter diesen — es liegt mir schon lange auf der Seele, dies einmal öffentlich auszusprechen, gibt es gerade in meiner geliebten Ljeirnatsxrovinz mehr als z. B. in Süd- und Westdeutschland gar viele, die ihr Judentum im wesentlichen nur durch Zahlung der Kultussteuer dokumentieren, die vielleicht auch noch am Versöhnungstag — ihrer Klientel im Gotteshause einen Besuch abstatten, ihrer Klientel, mit der sie außerberuflich nur, soweit es die Praxis fordert, zu tun haben wollen, dafür aber um so mehr mit „unsern christlichen Mitbürgern", auch wenn diese an Bildung und staatlich abgestempelter gesellschaftlicher Geltung tief unter ihnen stehen, auch wenn sie wissen, daß diese binter ihrem Rücken über den „Juden" lachen. Aber auch bei der großen Mehrzahl, der die Tradition nicht mehr wahrenden Kreise, selbst bet den Gott sei Dank zahlreich vorhandenen Studierten, die sich offen als Juden gerieren, dieden Abfall auf das Lntschiedenfte perhorreszieren, die sich in jedem Betracht, auch im gesellschaftlichen Verkehr, zu ihren Glaubensgenossen gleicher'Bildung und Lebensanschauung stellen, auch wenn diese nicht „Akademiker"' sind, und mit Andersgläubigen nur verkehren, wenn dies auf gleichem Boden geschehen kann, ja die einem Rufe in die Gemeindeverwaltung gern folgen und ihr ihre Kraft widmen, auch bei vielen von diesen, wenn nicht den meisten, läßt es sich kaum sagen, welcher Richtung inr Judentum sie angehören, es sei denn ganz allgemein der nichtorthodoxen Richtung. Hier, hier in erster Linie bietet sich für den organisierten religiöser: Liberalismus eine große und dankenswerte Aufgabe: es gilt, diese vielen, allzuvielen Männer und Frauen in der Provinz — und es find gerade die gebildetsten, sozial hochstehendsten urrd materiell potentesten — für sich zu gewinnen. Und wenn diese schon nicht zu bewußt liberalen Juden zu machen sind, so können sie doch — namentlich die Akademiker, die ich vorhin gekennzeichnet lxrbe — wenigstens zu selbstbewußter: Juden gemacht werden, denen das Iudenturn rächt

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