Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 242 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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242 Air Posener Uersammlung — Ansprache Justizrat Stau wir wollen und was wir erstreben, daß Sie alle ein Herz für diese Religion haben. Deshalb kann die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland nichts besseres tun, als Ihnen zu sagen: wir danken, daß Sie gekommen sind, hören Sie an, was wir wollen, hören Sie, wie wir es meinen, und wir sind überzeugt, daß mancher, der noch nicht auf unserer Seite steht, wenn er aus diesem Saale hinausgeht, sprechen wird: Recht haben sie, das Gute wollen sie, ich schließe mich ihnen an. (Bravo!) Ich danke Ihnen nochmals, daß Sie erschienen sind. (Lebhafter Beifall.) Justizrat Dr. Slau - Frankfurt a. M. Liberales Judentum und Gemeinden. Ueber die Aufgaben des religiösen Liberalismus in den Gemeinden soll ich zu Ihnen reden — über die Werbearbeit, die der religiöse Liberalismus unter den Gemeindemitgliedern unternehmen, und den Einfluß, den er auf die Gemeindeverwaltungen zu gewinnen suchen soll. Schon das Programm, das die Vereinigung für das liberale Judentum sich bei ihrer Begründung gegeben, hat eine solche Wirksamkeit als selbstverständlich angenommen, und die von der Begründungsversammlung einstimmig gefaßte Resolution hat es direkt ausgesprochen, daß die Forderungen des liberalen Programms auch im Gemeindeleben betätigt werden sollen, wobei entsprechend dem Prinzip der Gewissensfreiheit den lokalen Verhältnissen Rechnung zu tragen sei. Auch die Richtlinien für das liberale Judentum, eine Frucht mehrjähriger Arbeit, die Sie mit Recht heute als eine Tat bezeichnet und in so schöner Einmütigkeit und Begeisterung als Grundlage für die weitere Arbeit akzeptiert haben, enthalten bezüglich des Gemeindelebens präzise Forderungen. Auch sie legen deren praktische Durchführung den Gemeinden dringend ans Herz und überlassen es ihnen, wie weit besondere örtliche Verhältnisse hierbei zu berücksichtigen sind. Mit diesem letzten Passus soll zum Ausdruck gebracht werden, daß nicht in jeder Gemeinde in gleicher weise gearbeitet werden kann, da nicht jede Gemeinde der andern gleicht. Und wie verschieden sind unsere deutschen Gemeinden nicht etwa nur an Zahl, sondern, worauf es hier vov Allem ankommt, in Bezug auf die religiöse Richtung ihrer Mitglieder und auf das Stärkeverhältnis dieser Richtungen! Fast könnte man sagen, es müßte das Wirksamkeitsgebiet des religiösen Liberalismus für jede Gemeinde besonders festgestellt werden, und sicherlich wird es die Aufgabe der Organe unserer Vereinigung, - wenn anders sie den Anforderungen, die mit Recht an sie zu stellen sind, gerecht werden wollen, gar oft sein, im einzelnen Fall hier eine Entscheidung zu treffen. Und doch aber gehört immer eine größere Anzahl Gemeinden je einem bestimmten Typus an. So haben wir in unserem Vaterland zahlreiche Gemeinden, in denen entweder die orthodoxe oder die liberale Auffassung des Judentums so sehr die Herrschende ist, daß z. B. in der einen die strenge Sabbathruhe, in der andern die Fortsetzung der täglichen Berufsarbeit am Sabbath fast ausnahmslose Regel ist. wir haben wieder Gemeinden, die zu ihrem religiösen Führer bewußtermaßen nur einen orthodoxen, und solche, die nur einen liberalen Rabbiner wählen, weiter haben wir in Deutschland eine Anzahl großer Gemeinden, in denen sowohl orthodoxe als auch liberale Mitglieder in großer Zahl vorhanden sind. Ueber diese und noch andere Typen deutsch-jüdischer Gemeinden und das Wirksamkeitsgebiet des Liberalismus in jedem einzelnen Typus müßte ich mich verbreiten, wollte ich das-