Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 240 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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T 240 Air Pssener Versammlung — Referat Ar. Freudenthal meinden auch tatsächlich bereits durchgeführt worden ist. Diese Tatsachen der Erfahrung zeigen zur Genüge, daß die Entwicklung der Gemeinden in der ganzen Kulturwelt sich immer weiter auf dem hier vorgezeichneten Wege vollzieht, und daß ohne besonderen Kampf mehr Generation um Generation immer stärker diesen eigentlich ganz selbstverständlichen Anforderungen an das Gemeindeleben und an die Gemeindeeinrichtungen gerecht wird'. Selbst der allerneueste Kunstgriff der Gegner, die natürlich ganz haltlose Behauptung, daß der Anschluß an unsere Bewegung den Uebertritt zu einerneuen Konfession bedeute, welche mit dem eigentlichen Judentum nichts mehr gemein habe, wird außerstande sein, diese Gesamtentwicklung des deutschen und außerdeutschen Judentums aufzuhalten/ Daß jene Behauptung theoretisch unhaltbar ist, zeigt schon der ganze Aufbau unseres j)ro- - gramms, das, weit davon entfernt ein neues Judentum zu schaffen, ganz auf dem Fundanrent des h i st o r i s ch e n Judentums ruht. Ob sie praktische Folgen haben wird, können wir vorerst in aller Buhe abwarten; sie wird uns noch nicht einmal in der liberalen Anschauung erschüttern, daß wir religiöse Intoleranz nicht mit gleicher Münze heimzahlen. (Bravo!) Jede wahrhaft liberale Gemeinde wird vielmehr bereit sein, auch der andersdenkenden Minorität,, die mit ihr Zusammenhalten und Zusammenarbeiten will, diejenigen Forderungen zu erfüllen, die sie mit Berechtigung zur Befriedigung ihrer besonderen religiösen Bedürfnisse erheben wird. (Bravo!) Um so energischer und kraftvoller wird sie sich dann aber der Durchführung unseres Programms widmen können und widmen müssen; denn nur dann werden wir unsere Religion in den schwierigen Zeitläuften erhalten und auf spätere Geschlechter vererben, wenn sie mit den Lebensmöglichkeiten und Zeitverhältnissen harmoniert und von ihren Bekennern nicht als äußere Last und inneres Beschwernis empfunden wird, sondern als heiliges Ideal, als wahrhafte Segnung, für die auch ein Opfer lohnt. Mir liberalen Rabbiner übergeben Ihnen nunmehr unsere Richtlinien zur Einzelbesprechung und endgültigen Stellungnahme. Mir haben natürlich den Wunsch, daß die liberale Vereinigung sich auf den Boden dieser Richtlinien stellen und in ihnen die Grundlage zu weiterer ernster Arbeit erblicken möge, an der wir selber uns von Kerzen gern beteiligen wollen. Wir wissen sehr wohl, daß unser Programm, obwohl es, verständig ausgelegt, dem Einzelnen in seiner Stellungnahme weiten Spielraum gewährt, nicht alle Liberalen befriedigen wird. Aber unterschätzen Sie nicht die gewaltige moralische - Kraft der einen Tatsache, daß wir es zuwege gebracht haben, endlich einmal die Anschauungen des liberalen Judentums programmatisch zu fixieren (Bravo!), und der .anderen, daß sofort eine solche Anzahl deutscher Rabbiner sich öffentlich zu diesem Programm bekannt hat! (Bravo!) Unter schätzen Sie und unter graben Sie nicht die Wucht dieser Tatsachen, sondern stellen Sie nach dem Vorbild der liberalen Rabbiner, die auch nur auf diesem Wege zu solchem Resultat gelangt sind, Einzelwünsche zurück vor diesem großen, ja größten Gedanken unserer Einheit und Geschlossenheit! (Bravo!) Dann ivird ganz gewiß unsere bisherige und unsere heutige gemeinsame Arbeit ihre Wirkung in der Gegenwart haben Und ebenso gewiß auch für die Zukunft als eine unvergängliche Tat in der Geschichte unseres uns allen heiligen Glaubens ehern eingegraben bleiben. (Lebhafter Beifall!) ■V.-. 4 ,