Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 239 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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239 Die Kosen er Versammlung — Referat Ar. FrrnLenthal Juden, sondern auch recht viele in diesem 1 Sinne religiöse Juden zählen wollen, und unser Wirken auf der Kanzel und in der Schule wird im m er aufs stärkste dieser für das religiöse Cebcn des Einzelnen und der Gesamtheit so bedeutsamen Betätigung gelten müssen. Aber es ist ebenso selbstverständlich für uns als liberale Rabbiner, daß wir es dem Gewissen des Einzelnen überlassen müssen, inwieweit er nach ernster Prüfung und sorgsam bedachter Stellungnahme zu den Fragen des religiösen Lebens und der religiösen Gesamtheit im Sinne unserer obigen Darlegungen sich jenen Forderungen unterwirft. Wir teilen hierin ganz die Anschauungen eines Moses Mendelssohn:*) „Nur der Staat gebietet und zwingt, die Religion belehrt und überredet; der Staat erteilt Geseße, die Religion Gebote! Die Macht der Religion ist Liebe und W o h l t u n. Die religiöse Gesellschaft macht keinen Anspruch auf Zwangsrecht und kann durch alle V e r tr äg e i n d e r Weltkein Zw a n g s - recht erhalten." Wie sich der Einzelne nun gar zu den übrigen, zahllosen, tradierten Zeremonien stellt, ist gänzlich seine Sache. Es gibt unter diesen traditionellen Frömmigkeitsübungen rieben vielen wertlosen unbestreitbar auch eine ganze Reihe solcher, welche wirkliche Heiligungsmittel bedeuten können. Db sie diese Wirkung haben oder nicht, kann nicht anbefohlen und kann nicht abgestritten werden, sondern hängt von dem individuellen Geistes- und Gemütsstande eines Menschen ab. Die religiösen Empfindungen der Menschen in dieser Einsicht sind so variable, daß es weder als eine besondere Höhe des 'Geistes und Gemütes angesehen werden darf, wenn einer auf *) Mendelssohns Jerusalem, Ges. Werke III, S.26S. alle diese äußeren Mittel verzichtet oder verzichten zu können glaubt, noch als eine besondere Tiefe und Vertiefung des Geistes und Gemütes, wenn einer aus jeder derartigen Zeremonie eine wirkliche Weihe seines religiösen Lebens zu gewinnen behauptet, zumal dort ebenso häufig auch Geisteshochmut und Gemütskälte, wie hier mystischer Reberschwang und furchtsamer Aberglaube mitspielen (sehr richtig!). Am allerwenigsten aber kann die innere Einwirkung nach der Menge der äußeren Rebung eingeschätzt werden. Solches Gebühren haben nicht bloß die Propheten in ihren wuchtigen Reden gegen allen Lippen- und äußeren Gpferdienst heftig bekämpft, sondern auch die ausgezeichneten Geister unter den Lehrern Israels in allen Zeitaltern. Es ist gerade nicht die schlechteste " Gelehrtenschule, die des R. Iochanan ben Sakkai und seiner Nachfolger in Iamnia, die im Talmud den Grundsatz aufstellte: „Nicht auf das Viel und nicht auf das Wenig kommt es an, sondern darauf, ob das Herz zu Gott gerichtet ist!" Das ist derselbe Grundsatz, den unsere Richtlinien in Absatz X proklamiert haben. Er ist nicht vom liberalen Judentum erfunden, ja noch nicht einmal von ihm wieder gefunden, sondern nur, als für die rechte Auffassung des Judentums bezeichnend, in die Reihe der anderen Grundsätze und Forderungen miteingerückt worden, die wir als typisch und darum als programmatisch unentbehrlich betrachten. Ueber den programmatischen Inhalt des Abschnittes XI bedarf es keines Referates: er enthält so wohlbekannte Forderungen des liberalen Judentums, daß sie nur eine Zusammenfassung dessen bedeuten, was seit dem allerersten Einsetzen der reformierenden Bewegung im jüdischen Rultus und Gemeindeleben verlangt und in zahlreichen Ge-