Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 237 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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287 Nie Pasrner Nsrsammlnng — Referat Ir. Frrudrnthat vom religiösen und vom wissen s ch a s tlichen Erkennen uns, der einen gemeinsamen, alles umfassenden Frage zu: Welche Zeremonien sind geschichtlich so typisch und zugleich durch ihre religiöse Weihe so bedeutungsvoll, daß sie den Grundstock des Judentums auch für den liberalen Juden bilden können und bilden müssen? Es kann nun keinenr Zweifel unterliegen, daß als solche Zeremonien in allererster Reihe die Sabbate und Festtage Israels sich darbieten. Nach der dogmatischer! Seite hin bezeichnet sie deshalb die heilige Schrift als göttliche Institutionen; geschichtlich betrachtet bedeutet die Einführurig des Sabbats mit die größte weltgeschichtliche Tat des jüdischen Geistes, bedeutet die Einsetzung von Festen wie unse? Neujahrsmnd Versöhnungstag die Bekundung des denkbar höchsten sittlicher! Standpunktes, den eine Religion nur einnehrnen kann, sind auch die übrigen Festtage seit der urältesten Zeit so bedeutungsvoll mit der Volksgeschichte Israels verknüpft, daß sie auch weiterhin einfach nicht davon ablösbar sind. Ohne seinen Sabbat und ohne seine charakteristischen Festtage würde das Judentum als selbständige Religionsform im Leben der Völker sofort' ausgelöscht sein (sehr richtig). Nun erschwert freilich, wie wir alle zur Genüge wissen, gerade das Leben inmitten der Völker die Aufrechterhaltung dieses typischen jüdischen Zeremoniells ungemein. Es isb ebenso unmöglich, Sabbat und Festtage aufzuheben oder zu verändern, wie es unmöglich ist, vor jenem ungünstigen Einfluß der Zeitverhältnisse mit aller Gewalt die Augen zu schließen. Es bleibt also nur übrig, den Weg der Erleichterungen zu beschreiten und in dieser Art Theorie und Praxis einander anzunähern. Dies ist aber sehr gut möglich und um so statthafter, als eine ganze Anzahl Sabbat- und Festtagserschwerungen in einer späteren Auffassung des biblischen Ruhegebots ihre (Quelle haben, die ohnedies weit über die zulässigen Grenzen nicht bloß des Lebens, sondern auch des schlichten, ungekünstelten Denkens hinausgegangen ist. Mit Befürchtungen über Befürchtungen und mit Analogien über Analogien wurde das so vernünftige und ohne Weiteres leicht verständliche biblische Verbot der Werktagsarbeit zu einen: ganzen Konglomerat von Vorschriften erweitert und dadurch so erdrückt, daß schon die Mischna in Bezug darauf erklärte: „Die Sabbatgesetze sind Berge, die an einem bsaare hängen, in der Thora sind sie so kurz und die Galachoth sind so zahllos." Unsere Aufgabe war damit gegeben. Wir hatten m den Richtlinien die Aufrechterhaltung der Sabbate und Festtage zu fordern, das schlichte biblische Arbeitsverbot in seine Rechte einzusetzen und' die Maßlosigkeit in der Auslegung und Ausdehnung dieses Verbotes zurückzuweisen. . , Eine zweite tvpisch mit der Geschichte Israels seit der Urzeit verbundene Zerenioniengruppe ist die des g o t t e s d i e n st - lichen Kultus. Israels Kultus war zuerst Familien-, alsdann Gemeinschaftskultus und hat sich nach diesen beiden Richtungen hin immer stärker ausgeprägt, Haus und Gotteshaus waren und sind noch immer die Kultstätten des Judentums und sollen ganz besonders an Sabbaten und Festtagen als solche dienen. Jede dieser beiden Stätten hat zwar für den Kultus ihre eigene Bedeutung, ihre eigene Weihe, ihre eigene Wirkung; wo aber „die Lebensverhältnisse nun einmal nicht die pflege beider gemeinsam und in gleicher Stärke gestatten, soll wenigstens die eine um so höher gehalten werden und der Einzelne dadurch im Zusammenhang mit dem religiösen Leben und Streben der Gesamtheit bleiben. Diesem Zusammenhang des Einzelnen mit der Gesamtheit seines Bekenntnisses und