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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 234

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 234 (sequence 18)
Language
German
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234 Are Posrner Versammlung — Referat Ar. Usgelstein o o o o die Ueberlieferung bezüglich der Verfasser. richtig ist, wird aber auch nicht um einen Deut gemindert, wenn wir von Quellenschriften und späterer redaktionellen Bearbeitung hören. Aber wir betonen mit aller Entschiedenheit — und ich zitiere hier absichtlich nicht die klassischen Ausführungen Abraham Geigers, sondern die Darstellung 'Güdemanns — daß im Judentum zu allen Zeiten der Volksgeist dem Faktor der Offenbarung sich als gleichberechtigt an die Seite gestellt hat, so daß wir das heilige Schrifttum des jüdischen Volkes unbeschadet seiner ihm innewohnenden, Göttlichkeit als Produkt des Volksgeistes bezeichnen können. „Die jüdische Religion ist Geist vom Geiste des jüdischen Volkes, in dem eine stetige Offenbarung Gottes sich vollzog." Darum ist!uns die Tradition so wertvoll. Das ist der Gedanke der Entwicklung, der ewigen, lebendigen Offenbarung. Darum eben ist das Judentum ewig, weil es wie das Schöpfungswerk in der Natur sich immer wieder erneut, weil es die Kultur einer jeden Zeit in sich aufnehmen, mit sich vereinbaren kann und der Kultur einer jeden Zeit ewige religiös-sittliche Ideen mitteilt, wir stehen nicht am Ende der Offenbarungskette, aber wir haben das Recht und die Pflicht, das auszusprechen und festzustellen, was uns der Inhalt der Offenbarung ist, und wir haben das Bewußtsein, damit in fester Treue auf dem Boden des Judentums zu stehen und seine Entwicklung für die Zukunft zu fördern. Sie erlassen mir ein Eingehen auf andere Glaubensvorstellungen, die wir als Trübungen der Reinheit der jüdischen Gotteslehre abgestreift haben, Engel, Dämonen und mancherlei abergläubische und kabbalistische Anschauungen. Es genügt, sie zu erwähnen. Nur noch ein Wort zum Schluß. Die gewaltigen Umwälzungen auf allen Gebieten mußten den Liberalismus zum Kampf gegen manche Ausdrucksformen des religiösen Lebens treiben. Dieser Kampf war notwendig und ist keineswegs beendet. Aber nicht darin liegt die eigentliche Bedeutung und daseigentliche Wesen des Liberalismus im Judentum. Der Ausdruck des religiösen Lebensist nur der Niederschlag der Anschauungen,, die in den Geistern lebendig sind. Mit Recht hat darum schon Abraham Geiger in ersten Reihe die Reform der Anschauungen gefordert, die äußere Reform sei dann einesich von selbst ergebende zwingende Folge.. Alle diejenigen zu einen, die v o n gleicher Grundanschauung aus an der Wiederbelebung des Judentums — bei aller Freiheit im einzelnen — arbeiten,- ist unsere Aufgabe. Die Festigung und Verbreitung religiösliberaler Anschauungen ist demnach das^ erste, was wir zu erstreben haben, die Reform der Anschauungen die Grundlage für alle weitere Arbeit.. Und darum ist es von großer Bedeutung, daß gerade dies in den Richtlinien zu Anfang zum Ausdruck kommt: die Grundsätze unserer religiösen Anschauung nach unserer liberalen Auffassung vom Judentum, Haben wir die Anschauung der Menschen erst soweit erfaßt und nach der Richtung hin gelenkt, wie es für die religiöse Zukunft des Judentums notwendig erscheint, dann können wir dessen sicher sein, daß alles weitere, das religiöse Leben im Judentum sich demgemäß entwickeln wird, und wir damit den ersten wichtigen Schritt dazu getan haben, um unser Judentum lebendig zu erhalten für uns und für die Zukunft! (Großer Beifall!)

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