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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 233

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 233 (sequence 17)
Language
German
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Nie Posenrr Versammlung — Referat Ar. Uogelstein 233;fie nicht erklären können, so wenig leugnen wir die Eingebung des religiösen Genies. Indes, schon unsere mittelalterlichen Denker haben die Offenbarung nicht einseitig als .einen gütlichen Akt angesehen, ja schon der Talmud führt die Verschiedenheit der prophetischen Darstellung auf die Verschiedenheit der Persönlichkeit der Propheten zurück. Uns .gilt eben, und zwar in viel weiterem Sinne, als es vom Talmud selbst gemeint gewesen ist, daß die Bibel die Sprache der Menschen spricht. Diese Offenbarung des Gottesgeistes ist nicht nur für Menschen, sondern auch von Menschen geschrieben, wir lehnen die Auffassung der Verbalinspiration ub d. h. wir sind nicht der Meinung, daß jedes Wort der Bibel gleichsam nach göttlichem Diktat niedergeschrieben und darum nuch in naturwissenschaftlichen, politischen u. dgl. Fragen unverbrüchlich ist, daß wir also unsere wissenschaftlichen Anschauungen nach dem Buchstaben der Bibel zu modeln und ihm zu unterwerfen haben. wir betrachten die Bibel bei aller hohen Verehrung als den Reflex der Gottesoffenbarung in den Menschen, die die Verfasser der biblischen Bücher gewesen sind. Weltbild und Weltanschauung jener Zeit spiegelt sich in den biblischen Büchern wider. Das Weltbild und die Weltanschauung ändert sich'im verlaufe der Entwicklung der Wissenschaft. Darum liegt es im Interesse der Religion, die Verbindung der religiösen Lehre mit der Wissenschaft zu lösen, um sie aufs neue in anderer Art fest zu knüpfen, wäre die Religion an das Weltbild und die Weltanschauung einer Zeit geknüpft, so würde jede Veränderung dieses Bildes und dieser Anschauung den Bestand der Religion gefährden. Unsere naturwissenschaftlichen und sonstigen wissenschaftlichen Anschauungen zu verwerfen — dieses Opfer des Intellektes zu bringen, vermöchten wir nicht — selbst wenn wir es wollten. Mr verwerfen aber nicht die Bibel deswegen, weil ihr Weltbild und ihre Art, das Weltbild zu betrachten, anders ist als in der Gegenwart, welchen unersetzlichen Verlust würden wir in religiös-ethischer Beziehung erleiden! wir vermögen die übernatürlichen Wunder nicht anzuerkennen, wir sind der Meinung, daß es der Weisheit Gottes nicht entsprechen würde, die von ihm selbst gegebenen Naturgesetze aufzuheben. Das geschichtliche walten Gottes prägte sich nach den Anschauungen jener Zeit in den Wundern aus. Uns ist „der Wunder höchstes, daß uns die wahren, echten Wunder so alltäglich werden können, werden sollen", wir fassen das geschichliche walten Gottes gerade im Geists der Bibel tiefer, im Sinne der Verwirklichung der von Gott gesetzten und gewollten sittlichen Weltordnung. wir sind ferner der Meinung, daß man mit der sklavisch buchstäblichen Auffassung der Bibel selbst vielfach unrecht tat. Man hält dann die Teile wohl in der Hand, fehlt leider nur das geistige Band. Die wundervolle jDoesie und der tiefe ethische Gedankengehalt der Bibel wird geradezu zerstört, wenn wir z. B. eine Parabel, wie diejenige von den ersten Menschen im Paradiese, als buchstäblich getreue Darstellung von tatsächlichen Vorgängen und nicht vielmehr als dichterische didaktische Einkleidung tiefster sittlicher Wahrheiten ansehen. wir sind nicht buchstabengläubig,- wir glauben an den Geist der Bibel. Nicht weil ein Buch von Jesaja oder von Mose verfaßt ist, ist es uns heilig, sondern wegen des Gottesgeistes, der sich darin kundgibt. Darum vermögen wir die Forschungsresultate der Bibelkritik ohne jede Voreingenommenheit objektiv wissenschaftlich zu prüfen, wir nehmen sie an oder lehnen sie ab, lediglich nach , wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Der religiöse Wert der Bibel wird uns nicht erhöht, wenn der Nachweis erbracht wird, daß

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