Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 232 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Me Pofener Versammlung — Referat Ar. Vagelstein dieser ist die Wurzel und zugleich der Ausdruck des. im Judentum lebenden Optimismus, ist das Korrelat der sittlichen Gottesidee, das Bekenntnis unserer religiösen Sendung, der Ausdruck der Entwicklungsidee, aber wir bekennen uns nicht zu einem persönlichen Messias. Im Zusammenhang hiermit sei auch des Gpferdienstes gedacht, der nach unserer Auffassung — wir können uns hier auf keinen geringeren berufen als Maimonides — eine geschichtlich bedingte Erscheinung, ein Zugeständnis an die damals ganz allgemein geltende Anschauung war, den wir aber nicht als die höchste Form religiösen Ausdrucks ansehen können. Würde uns heute die Möglichkeit geboten, den Tempel wiederherzustellen und den Opferkultus wieder einzuführen — wir würden von ihr keinen Gebrauch machen. Er stellt eine Phase der Entwicklung dar, die wir für überwunden ansehen. Darum lehnen wir die Anerkennung jeder Sonderstellung des aronidischen Priestertums ab. Mit dem Opferdienst ist für uns die eximierte Stellung der Priester und Leviten beseitigt, sie hat jede religiöse Berechtigung verloren, wir betonen — nur das sei erwähnt — gegenüber dem aronidischen Priestertum scharf das allgemeine Priestertum ganz Israels, die gleiche religiös-sittliche Aufgabe für einen jeden einzelnen. worauf aber gründen sich diese unsere religiösen Anschauungen? was gibt uns das Recht, diese Lehren als grundlegend anzusehen, andere auszuscheiden? Ist es eine willkürlich konstruierte Religion, die wir bekennen? Damit komme ich zu der Erörterung der geschichtlichen Grundlage und ihrer Auffassung und des methodischen Prinzips der Entwicklung. Beides gehört eng zusammen, und der Begriff der Offenbarung, die Berechtigung der wissenschaftlichen Kritik und ihre Vereinbarkeit mit religiöser Anschauung muß kurz gestreift werden. Ich betone nochmals: wir schaffen keine neue Religion, wir schaffen keine neuen religiösen Anschauungen, sondern das Judentum ist uns geschichtliche Religion, und geschichtlich betrachten wir es. In dieser Beziehung verweise ich auf unfern großen Führer im vorigen Jahrhundert, auf Abraham Geiger, der die Entwicklungsidee klassisch zum Ausdruck gebracht hat. Das Judentum muß in seiner Totalität erfaßt werden, weder die Gegenwart allein noch 'irgend eine Zeit sonst darf für sich betrachtet werden; sonst gewinnen wir ein schiefes, falsches Bild. „Alles ist uns — ich zitiere Geiger — des Judentums unveräußerliches Eigentum vom ersten Worte der Bibel bis zum letzten eines Talmudisten, von den tiefen Gedanken der mittelalterlichen Philosophen bis zu den Lukubrationen eines jeglichen Darschan, von der buchstäbelnden Enge des Kasuisten bis zum freien Wort der neuen predigt. Ueberall erkennen wir den ursprünglichen Geist nach den verschiedenen Zeiten und der verschiedenen Begabung und dennoch in voller Einheit." wir kennen keinen Bruch mit der Vergangenheit, wir leugnen die Entwicklung nicht, auch wo sie uns nicht günstig zu sein scheint, wir erheben auch für, uns und unsere Zeit nicht den Anspruch, die für alle Zeit giltigen Normen und Formen abschließend festzulegen. Aber den Anspruch erheben wir im Rahmen der geschichtlichen Entwicklung, den religiösen Ausdruck in Lehre und Leben für unsere Zeit festzustellen. Unser Judentum fußt auf der Bibel. Sie ist uns Gottes Wort, ist uns der Ausdruck der religiösen Offenbarüng. Freilich wie der Vorgang der Offenbarung sich abspielt, das zu wissen maßen wir uns nicht an. . Er spottet der begrifflichen Fixierung, ebenso wie die dichterische oder künstlerische Eingebung des Genies der Erklärung spottet. Aber so wenig wir diese leugnen werden, weil wir