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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 231

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 231 (sequence 15)
Language
German
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Aie Pssrnrr Versammlung — Meferai Ar. Vogelstern 231 rnessianische Idee des Judentums, eine Idee, die über das Judentum hinausweist, das Ziel aller sittlichen Kultur, die Herbeiführung der Zeit, in der aus "der Erkenntnis Gottes als des Gottes der Sittlichkeit die Verwirklichung dieser Sittlichkeit in der Menschheit geboren wird, einer Zeit, in der Wahrheit, .Recht und Frieden unter den Menschen herrschen werden. Das ist das Gottesreich, die Herrschaft Gottes, und dies Gottesreich sucht das Judentum nicht im Himmel, sondern auf Erden. Diese messianische Idee ist nicht eine utopische Schwärmerei, sie bedeutet nicht das Aufhören sittlichen Strebens, sondern nur das Streben auf höherer Grundlage. Diese messianische Idee ist damit eine sittliche Forderung, und in ihr spricht sich der Glaube des Judentums an die Menschheit, an die fortschreitende Entwicklung aus. Sie ist die Ergänzung zu dem Gottesbegriff des Judentums, und dieser Gottesbegriff die Bürgschaft ihrer Verwirklichung. Ist die messianische Idee die religiössittliche Forderung des Judentums an die ganze Menschheit, prägt sich hierin der universelle Tharakter des Judentums als Weltreligion aus, so ist diese Idee wiederum insbesondere eine Forderung an die Bekenner des Judentums. Es ist die providentielle Sendung Israels, die Menschheit zu dieser Höhe zu führen, durch die lebendige Kraft des Beispiels und der opferwilligen Hingabe die ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgebote zum Allgemeingut der ganzen Menschheit zu machen. Das ist, theologisch ausgedrückt, die Lehre von der Erwählung Israels, von dem Bunde Gottes mit Israel. Ghne den Glauben an diese Aufgabe vermöchten wir nicht einzusehon, zu welchem Zwecke die Erhaltung des Judentums möglich und notwendig ist. Das liberale Judentum bekennt sich mit Stolz zu der großen Vergangenheit und zu der großen Aufgabe des Judentums und tritt für sie mit aller Kraft ein. Aber auch der Messianismus ist im Judentum wie ein jeder Gedanke in geschichtlich bedingter Form in die Erscheinung getreten. Die große allgemein menschliche Idee, wie sie in der Seele der Propheten lebte, die Idee der Kulturentwicklung der Menschheit, die Idee der Führerrolle Israels zu diesem Ziele mußte in Zeiten politischen Aufschwungs sich knüpfen an die.natürlichen Hoffnungen künftiger Größe, die jedes politisch selbstbewußte Volk in sich trägt, und mußte in Zeiten politischen Niedergangs und politischer Not erst recht mit politischen Hoffnungen verquickt werden. Die Wiederaufrichtung Israels, die Wiedererhebung des Davidischen Königshauses, der Wiederaufbau des Tempels, die Wiederherstellung des Gpferdienftes, das alles sind Hoffnungen und Träume, die um so lebhafter waren, da ja in der Tat die Propheten nicht bloß Künder religiöser Wahrheiten waren. So knüpfte sich die Idee der Entwicklung der Menschheit an die Person des Fürsten aus Davids Stamm, wie sich in Deutschland die Idee der Wiedererstehung an Barbarossa geknüpft hat, hier wie dort mehrere geschichtliche Persönlichkeiten der Vergangenheit zu einem Idealbilde der Zukunft vereinend. Unsere heutige Geschichtsauffassung ist eine andere. Ghne die Bedeutung der Einzelpersönlichkeit zu unterschätzen, wissen: wir, daß es sich in der Geschichte um die Entwicklung treibender Kräfte und Ideen handelt. Der Entwicklungsgedanke beherrscht unsere geschichtliche Auffassung. Diese geschichtliche Auffassung ermöglicht es uns, die religiöse Idee des Messianismus aus der Verbindung mit allen anderen, politischen usw. Ideen zu lösen. Wir legen den Wert auf die messianische Idee, nicht auf die Person des Messias. Wir erhoffen nicht die Wiederaufrichtung Israels im politischen Sinne, nicht den Wiederaufbau des Tempels, nicht die Wiederherstellung des Gpferdienftes. Wir bekennen uns zum Messianismus; denn

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