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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 230

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 230 (sequence 14)
Language
German
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230 -O 0 o o - Are Posener Versammlung — Referat Ar. Vogrlstein aus, daß die Menschenseele rein geschaffen ist, daß der Mensch mcht mit Sünde und Schuld beladen in das Lieben eintritt. Unsere Formulierung läßt klar erkennen, daß wir mit aller Entschiedenheit die jüdische Lehre betonen, daß nicht ein Ljerabsinken von sittlicher Höhe,, sondern ein Werden und vorwärtsstreben, das freilich nicht ohne Irrtum und Fehler denkbar ist, den Menschen kennzeichnet, daß dies Erdenleben nicht ein Jammertal und ein Sündenpfuhl, sondern die Stätte sittlicher Bewährung für den Menschen ist. Die Formulierung in den Richtlinien läßt die jüdische Lehre von der Selbstverantwortung des Menschen erkennen. Er hat nicht die Sünde^anderer zu tragen, aber er vermag auch nur durch eigene Kraft — nicht durch wen immer auch sonst — sich über seine Schuld zu erheben und zur Versöhnung - mit sich und mit Gott zu gelangen. Die ganze gedanklich so tiefe und ethisch so hoch stehende Lehre des Judentums von Sünde und Sühne ist hier inbegriffen; auch 'hier die Uebereinstimmung aller Zeiten und aller Richtungen im Judentum. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen bedingt die Lehre von der Unsterblichkeit derSeele. Sie wird durch den Gedanken der Verwandtschaft mit Gott, der Vervollkommnung des Menschen, die im Leben nicht erreicht werden kann, gefordert. Dabei ist festzuhalten, daß im Judentum die Seligkeit nicht das Ziel des sittlichen Strebens, sondern, wie Lrescas dartut, sein Inhalt ist. Wir betonen aber lediglich die rein geistige Seite der Unsterblichkeitslehre und lehnen jede wie immer geartete genauere dogmatische Fixierung und Formulierung ab; die Anschauungen und Vorstellungen mögen in dieser Frage weit auseinandergehen. Jede sinnliche Auffassung der Unsterblichkeit lehnen wir ab. Man hat im Judentum allerdings unter fremden Einflüssen Schilderungen des Jenseits nicht immer vollständig vermieden: aber Iie haben niemals allgemeine Geltung erlangt, und im allgemeinen hat man sich erfreulicherweise vorsichtig zurückgehalten. Nur eine Anschauung ist lange Zeit herrschend gewesen: die leibliche Auferstehung in der messianischen Zeit. Dieser ganze Komplex der Vorstellungen von der Auferstehung und dem ewigen körperlichen Leben erscheint uns nicht annehmbar. Wir können die Entwicklung dieser Glaubensvorstellungen im Judentum verfolgen. Sie sind geschichtlich bedingt, aber nicht ewige Wahrheiten und sind mit unserer gesamten Weltanschauung unvereinbar. Menschenleben heißt Werden und Streben; hier aber würde uns der Begxiff eines Lebens ohne Streben entgegentreten; damit aber würde dies angeblich vollkommene Leben vollendete Unvollkommenheit sein ' und tiefer stehen als unser vergängliches Leben. Als liberale Juden lehnen wir daher den Glauben an die leibliche Auferstehung ab und sind uns dabei bewußt, daß wir dem Judentum damit auch nicht ein -Titelchen rauben. Der dritte Punkt betrifft die Menschheit. Die Propheten Israels haben, den Begriff der Menschheit erst dargeboten, sie haben ihn erdacht. Der einzelne Mensch steht nicht allein, er ist ein Glied der ganzen großen Menschheit, nicht die'Zugehörigkeit zum Judentum, sei es durch Rasse, Nationalität oder auch Religion, bedingt den Begriff der Gotteskindschaft. Der jüdische Gottesbegriff fordert als logische Konsequenz die Lehre von Gott als dem Vater aller Menschen, von den Menschen als Kinder Gottes, die Lehre von der Brüderlichkeit und Nächstenliebe der Menschen. Die Aufgabe des einzelnen Menschen ist, dies zu bewähren und damit die Menschheit als Ganzes vorwärts zu bringen. Der einzelne Mensch ist vergänglich, seine Vollendung liegt jenseits der Grenzen des Lebens, die Menschheit als Ganzes ist ewig, ihre Vollendung ist die sich immer erneuernde Aufgabe. Das ist die

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