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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 227

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
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Aie Posener Versammlung — Referat Ar. Vogelstern 227 Rabbiner Ar. Vogelstein-Königsberg. Der erste Satz unseres Berliner Programms vom 3. Mai $08 hat mit aller wünschenswerten Deutlichkeit als das methodische Prinzip des Liberalismus die Entwicklungsidee festgestellt und zugleich von dem ewigen Gehalt und den unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion gesprochen, ünl derentwillen das Wesen der jüdischen Religion, ihr Bestand und ihr Zusannnenhang 'mit der Vergangenheit bei Anwendung des Prinzips der Entwicklung unverändert bleibt, so daß ein Gegensatz zwischen Lehre und Leben nicht entsteht. Bei der Ausführung des Auftrags der Nürnberger Tagung, Richtlinien zu einem positiven Programm auszuarbeiten, mußten wir naturgemäß in knapper programmatischen Formulierung den ewigen Gehalt und die unveränderlichen Grundlagen, also die konstitutiven 'Elemente der jüdischen Religion zum Ausdruck bringen und die Anwendung der -Entwicklungsidee aufzeigen. Daraus ergab sich von selbst, daß die Frage an die Spitze gestellt 'werden mußte: welches sind die konstitutiven Elemente der jüdischen Religion? Mit der theologischen Formulierung als ethischer Monotheismus konnten wir uns für die' Zwecke der Richtlinien nicht begnüge?!. So gliederte sich diese Frage sofort wieder in die beide?? Frage?? : was lehrt das Judentum nach liberaler Auffassung? u??d: was fordert das Judentum? Die letztere Frage zerfällt wieder in die Frage nach den sittlichen Forderu??ge?? und de?? Forderungen des äußeren religiösen Lebens. Daß nach ünserer Ueberzeugung die Forderungen des äußere?? religiösen Lebens nicht z?? dem ewigen Gehalt??nd den u??veränderlichen Grundlagen der jüdischen Religio?? z?? zählen sind, daß sie nicht konstitutive.Elemente des -.Judentums sind, ist durch die Bezeichnung als „Erscheinungsformen" bereits in rrnserm Berliner Programm zum Ausdruck gebracht worden. Hermann Tohen umschreibt den Begriff des ethische?? Monotheismus des Judentums?nit den Worten: „Den Bekenner des Judentums durchglüht Die Ueberzeugung, daß seine Glaubenslehre feine Sittenlehre und feine Sittenlehre feine Glaubenslehre ist." Wir sind uns der Untrennbarkeit der Glaubens¬ und Sittenlehre vollauf bewußt gewesen. Die Sätze selbst in Punkt II und III??nserer Richtlinien lassen den unlöslichen Zusammenhang zwischen religiöser Lehre und religiösem Sittengesetz unzweideutig hervortreten. ‘ Trotzdem haben wir zur Formulierung der konstitutiven Elemente der jüdischen Religion die beiden Richtungen angeben zu sollen geglaubt: die ewigen Wahrheiten und die sittlichen Grundgebote. Wir haben uns dabei angelehnt an die talmudische Unterscheidung, die die beiden Absätze des Schemagebetes als Anerkennung der Weltherrschaft Gottes und als Anerkennung seiner Gebote bezeichnet. Ein wenig anders ist die Bedeutung unserer Formulierung, aber doch eng verwandt der talmudischen Deutung unseres Bekenntnisgebets, wir haben ferner alsbald ausgesprochen, daß diese Elemente die Bestimmung haben, Weltreligion zu werden. Nach den Ausführungen meines Vorredners kann ich auf eine Begründ??ng und Erläuterung dieses Satzes verzichten. Dieser logische Aufbau und die logische Glieder??ng ergab sich uns erst im Verlauf der Ausarbeitung der Richtlinien. Denn wir sind nicht?nit kaltherzigen Erwägungen, sondern?nit warmer Begeisterung an die Arbeit gegangen. Aber wen die Begeisterung treibt, der darf dennoch, wenn er eine Sache betreibt, die verstandesmäßige Ueberlegung nicht außer acht lassen. Zedes Satzgefüge, ja jedes Wort mußte sorgfältig abgewogen werden. Eine Zeit, die eine ne??e Religion schafft, spricht

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