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Liberales Judentum · 1912-10-01 · Heft 10-11 (Oktober 1912) · p. Seite 226

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Journal
Liberales Judentum
Volume
4 (1912)
Issue
Heft 10-11 (Oktober 1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
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226 Nie Pssrner Versammlung — Referat Ar. Seligmann Zwischen diesem Leben und dieser Lehre gilt es, wie gesagt, einen Ausgleich zu finden. Wenn wir, die Rabbinen, uns ganz und gar versteifen auf die alte «lehre und keine Konzessionen dem neuen Leben machen, kommen wir nicht zusammen. Und wenn Sie, meine verehrten Damen und Herren, ganz und gar sich absorbieren ließen vom neuen «leben und seinen mächtigen Forderungen, aber der «lehre, der objektiven Religion keine Konzessionen machen, kommen wir gleichfalls nicht zusammen. Richtlinien dieser Art sind eben ein Kompromiß, 'ein Nachgeben von seiten der «lehre, um das sich entfernende «leben wieder zu gewinnen und ein Nachgeben des Lebens, um die verlorene Fühlung mit der Religion wieder zu gewinnen. Wir Rabbinen haben die Pflicht, meine Damen und Herren, Sie und vor allem ihre Kinder zu gewinnen mit allen Mitteln der Ueberredung, Ermahnung und Belehrung, die uns zu Gebote stehen, für die objektive Religion; das ist unser Bestreben, das ist der treibende Impuls unserer Bewegung. Aber weil wir für die Erhaltung, für die religiöse Neubelebung des Judentums arbeiten, haben wir auch das Recht und die Pflicht, das Leben und die neuen Lebensmöglichkeiten anzuerkennen. Auch 'das ist, meine verehrten Damen und Herren, kein neuer Grundsatz, sondern ein uralter dem Judentum eigentümlicher Gedanke und Ausdruck. Denn es geschah einst — und mit diesem Nachweis will ich meine Ausführungen schließen -- es geschah einst in alten Zeiten, als der Tempel zerstört war, da kamen zu Rabbi Iosua ben Thananja die Ueberfrommen seiner Zeit und sagten: „Wehe der Tempel ist zerstört, wie dürfen wir Fleisch essen, von dem wir nicht mehr opfern können!" Da sagte Rabbi Iosua: ^,Ihr habt recht, esset kein Fleisch mehr; aber ihr dürft auch keine Früchte essen, denn von den Früchten wurden die Erstlinge dargebracht; ihr dürft auch kein Brot essen, denn von dem Mehl wurden Mahlopfer dargebracht: ihr dürft aber auch kein Wasser trinken, denn auch Wasseropfer wurden dargebracht. Damals stellte dieser große Rabbi den Grundsatz auf: Du goarin geseroh al bazibbur eloh im ken row zibbur jecbolin laamod bo „Man lege der Gemeinde keine Erschwerungen auf, bei welcher sie, bei welcher die Gemeinschaft Israels nicht bestehen kann." Diese talmudischen Worte Rabbr Iosuas sind es, für die wir in unseren Nicht- , linien das wort „Lebensmöglichkeiten" als Uebersetzung des „jsebolirn laamod" gewählt haben. So ist dieser scheinbar neue Begriff ein uraltes Talmudwort, das in Israel zu jeder Zeit seine Geltung hatte und seine Geltung haben muß, wenn nicht eine immer größere Entfremdung Israels von seiner Religion um sich greifen soll. Um . eine Lebensmöglichkeit der Religion in imseren Ziagen zu schaffen, stehen wir auf dem Standpunkt der Rücksichtnahme auf die Lebensmöglichkeiten und wollen in diese r Zeit, bei diesen Menschen, in diese m Lande eine Lebensmöglichkeit des religiösen. Judentums schaffen. Und wenn wir Beide von der großen Liebe und -von dem heißen Drang der Erhaltung und Neubelebung der Religion beseelt uns entgegenkommen, wir Rabbiner in dem Streben, das religiöse Leben Ihnen Nieder möglich zu machen, Sie in dein Streben, der Religion zu geben, was die Religion fordern muß, um zu bestehen, dem Judentum zuliebe sich auch Mpfer abzuringen, welche die Religion jedem Menschen anferlegt, dann wird aus unserem vereinten Streben und Zusammenwirken mit Gottes Hilfe eine Saat ersprießen, eine Zukunftssaat, welche eine Welt von Fruchtbarkeit in ihrem Schoße trägt. (Großer Beifall?)

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