Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Air Posrner Versammlung — Referat Ar. Seligmann 225 Ausdrncksformen sich zu eigen gemacht. Das liberale Judentum steht deshalb auf dem Standpunkt der Anerkennung einer fortschreitenden Entwicklung, kraft deren jede Zeit im Judentum das Recht und die Pflicht hat, Lei Wahrung seines wesentlichen Gehalts geschichtlich bedingte Glaubensvorstellüngen und Erscheinungsformen anfzugeben, fort- .zubilden oder neue zu schaffen." In diesem wichtigen Leitsatz ist der Hauptnachdruck auf das Wort: Entwicklung zu legen, wie der Baum mit festen wurzeln in der mütterlichen Erde ruht, aber aus den wurzeln herauswächst und in jedem Jahre neue Ringe bildet und in jedem Frühling neue Blüten treibt und die alten Blätter und Früchte abwirft, so ist das Judentum ein lebendiger immer im werden begriffener -Organismus, der in dem Wurzelboden der heiligen Schrift mit ihren ewigen Sittlichkeitsgeboten ruhend, in jedem Frühling seiner Geschichte alte, überlebte Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen abstreifte oder weiter entwickelte. Dieser Gedanke der Entwicklung ist keine neue Erfindung unserer Zeit. Ihr verehrter Rabbiner, Herr Professor Bloch, hat in seiner wundervollen predigt gestern eine "Legende erzählt von Rabbi Akiba. Wenn wir den Sinn dieser Legende in eine wissenschaftliche Formel bringen, so ist der tiefe Gedanke dieser Erzählung dasselbe, was wir heute Entwicklung nennen, wenn Mose die Lehre, die nach seinem Namen benannt ist, selber nicht verstanden hat, wenn viele Jahrhunderte nach ihm ein Akiba gekommen ist, der die Thora besser verstanden hat als Mose, wenn dieser Rabbi Akiba an gewisse Häkchen über einzelnen Buchstaben der Thora neue Gesetze angehängt hat, die Mose nicht verstand, nicht verstehen konnte, so ist das in Wirklichkeit nichts weiter, als derselbe Gedanke der Entwicklung, den wir hier anssprechen. (Bravo!) Meine verehrten Damen und Herren l Jede Entwicklung, jede Evolution geht aus von einem positiv-historischen Moment, von einem festen Wurzelboden. Dieses positivhistorische Moment, dieser wnrzelboden ist — und hier komme ich nochmals auf meine einleitenden Bemerkungen zurück, die objektive Religion. wir als Rabbiner stehen, und wir würden unsere Pflicht als Rabbiner nicht erfüllen, wenn wir nicht stehen wollten auf dem Boden der objektiven Religion. Wir sind die berufenen Hüter und Bewahrer des geschichtlichen Erbgutes, das. uns von unseren Vätern überkommen ist. Sie, meine Verehrten, die Sie keine Rabbiner sind, keine Vertreter des geschichtlichen Gutes durch ihren Beruf und ihre Stellung im Leben, Sie haben genau dasselbe Recht uns gegenüber auf dem Standpunkt der subjektiven Religion zu stehen. Zwischen Ihrem Standpunkt der Subjektivität der Religion an sich und der Subjektivität des Einzelnen innerhalb der Religion und unserem Standpunkt der Bewahrung der objektiven Religion, gilt es die Diagonale zu ziehen. Diese Diagonale glauben wir in unseren Richtlinien gezogen zu haben. In unfern Richtlinien haben wir, um einmal die vielgeschmähte Formel Abraham Geigers zu gebrauchen, einen Ausgleich zwischen Leben und Lehre angestrebt. Das Leben ist es, Ln welchem Sie stehen. Die Lehre ist es, welche wir vertreten; die Lehre ist die objektive Religion, das Leben, — freilich kann hier nicht die Rede sein von einem Leben, das der Religion abgewandt ist, sondern das Leben, das der Religion sich zuwendet mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Kräften, die die heutige Seelenverfassung, die heutige wissenschaftliche Weltanschauung, die heutige Lebensmöglichkeit zuläßt, dieses Leben vertritt die Subjektivität in der Religion.