Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Are Pssener Versammlung — Referat Ar. Seligmann Meine verehrten Dainen und Herren! Ich komme zu Punkt IV unserer Richtlinien, zu unserer Stellung gegenüber dem, was unsere Alten unter dem Wort Thora zusammenfässen, zu unserer Stellung gegenüber den Gffenbarungsurkunden unserer Religion. Und hier sprechen wir aus: Mir haben eine geschichtliche Religion. Unserer Väter Religion ist unsere Religion, der Gott unserer Väter ist unser Gott. Die Grundlage unserer objektiven Religion ist keine subjektive, keine r e li g io n s-p h ilo s o p h i s ch e sondern eine historische. Diese historische Grundlage ist in erster Linie die Mffenbarungsurkunde der heiligen Schrift, in zweiter Linie die zunächst mündliche, später schriftlich gewordene Fortentwicklung der heiligen Schrift, die Weiterbildung des Judentums im nachbiblischen Schrifttum, Talmud, rabbinischer und religions-xhilofophischer Literatur bis auf die Gegenwart. Eigentlich hätten wir nicht anfangen dürfen mit der heiligen Schrift, sondern umgekehrt anfangen müssen mit der Gegenwart. Denn wie ein Rind die Religion lernt von Vater und Mutter, so hätte man sagen müssen: die geschichtliche Grundlage unserer Religion ist das, was uns von Vater, Mutter, Lehrern und Schule überliefert worden ist, und wie diese es wiederum empfangen haben durch ihre Vorfahren bis zurück auf die heilige Schrift; diese mündliche Ueberlieferung und diese in den als autoritativ anerkannten Relegionsurkunden niedergelegte Lehre ist die historisch gegebene Grundlage, die eigentliche objektive Darstellung unserer Religion. „Die historisch-kritische Würdigung dieser Urkunden ist der Wissenschaft des Judentums als eine ihrer Aufgaben zuzuweisen." In diesem Satze ist ein doppeltes ausgesprochen. Einmal: Wir Rabbiner in unserer Eigenschaft als Lehrer und Verkünder der autoritativen Religion haben als 'solche nicht die Aufgabe Rritik zu üben und uns der Bibel gegenüber auf den Standpunkt der Rritik zu stellen. Wohl aber — und das ist das zweite, was in dem Satze ausgesprochen ist — ist es unser Recht und unsere Pflicht als Männer der Wissenschaft mit von Vorurteilen unbefangenem Wahrheitssinn an unsere Religionsurkunden heranzugehen. Das Judentum hat in seinen besten Zeiten die wissenschaftliche Rritik nie gescheut. Unsere von Gott verliehene Vernunft ist nach dem wort eines unserer Größten der Engel, den uns Gott gesandt hat. Die Anerkennung der Freiheit der Wissenschaft ist eine Forderung des liberalen Judentums auch den religiösen Urkunden gegenüber. Unter dem Ausdruck: „Wissenschaft des Judentums" ist hier selbstverständlich nicht zu verstehen, daß die Vertreter der Wissenschaft des Judentums eine besondere Raste seien, etwa nur die Rabbiner oder die Dozenten an Gochschulen, sondern jeder, der da kommt,v soll willkommen sein. Wir stimmen , aus vollem Kerzen ein in das Wort unseres großen Lehrers Mose: „Wenn doch die ganze Gemeinde Israels aus Propheten bestände!" Und wir würden den Tag als Tag der Wiedergeburt des Judentums mit Hellem Jubel begrüßen, da es keine Laien, d. h. Ungelehrte mehr gibt, oder da es zum mindesten, wie in den alten glücklichen spanischen Zeiten wird, wo jeder Gebildete, mochte er Raufmann oder Arzt oder was sonst sein, an jüdischein Wissen keinem Rabbiner nachstand. Ich komme nun zu dem letzten Punkte, den ich zu erörtern habe: „V. 2lls geschichtliche Religion hat das Judentum seinen ewigen Wahrheiten und Grundgeboten Ausdruck gegeben auch iu geschichtlich bedingten Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen. Jedes Geschlecht hat den Glauben der Väter in den ihm eigentümlichen religiösen Vorstellungen und