Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mie Psfrner Versammlung — Urferat Ar. Keligmann 223 fen, vom liberalen Standpunkt der Gewissensfreiheit aus, ihn nicht verdammen, wir können, da wir kein Rirchenregiment haben, ihn nicht ansschließen, wir werden nicht so engherzig sein, ihm die Zugehörigkeit zum religiösen Judentum abzusprechen. '(Lebhafter Beifall.) wir selbst aber, als Vertreter und Bewahrer der objektiven Religion erklären die von uns aufgestellten Glaubenswahrheiten und religiösen Forderungen als das unerläßliche Minimum religiöser Forderungen des liberalen Judentums. Auf die einzelnen in Nummer II aufgezählten ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgebote näher einzugehen, kann ich mir versagen, da der verehrte Referent, der nach mir sprechen wird, die einzelnen Punkte voraussichtlich eingehend erörtern wird. Nummer III: „Die von der Vorsehung bestimmte Aufgabe Israels ist es, seine Religion in ihrer Reinheit zu bewahren und zu verkünden, durch'die lebendige Rraft des Beispiels und der opferwilligen Gingabe zu bezeugen, und so für die Herbeiführung des Gottesreiches auf Erden zu wirken", diese Nummer stand in dem ursprünglichen Entwurf der Richtlinien nicht an dieser Stelle, sondern unter II, lweil wir der Ansicht waren, daß zu den unveräußerlichen Glaubenslehren, zu den Glaubensbedingungen des Bestandes des Judentums der Glaube an die providentielle religiöse Aufgabe Israels gehört. Nachdem die Disposition der Richtlinienaber geändert worden ist, konnten wir umnöglich die besondere partikularistische Aufgabe Israels mit den ewigen Wahrheiten und Geboten zusammenstellen, die lediglich das Universalistische, allgemein Menschliche der Religion Israels hervorheben. Aber für uns Israeliten steht in Wirklichkeit die Nummer III auf der gleichen Stufe wie das unter II Aufgezählte. Für uns liegt in dieser Nummer III das wichtigste, ja das einzige Moment unserer Existenzberechtigung, wir glauben und müssen festhalten an dem'Glauben und müssen den Glauben unseren Rindern in die Seele schreiben, daß wir nicht durch Zufälligkeit der Geburt, sondern durch die Vorsehung auf unseren Posten in der Geschichte gestellt sind. wenn dieser Gedanke dem einen oder anderen eigenartig erscheint, wenn Sie nicht alle dem Gedanken^ und seinen Folgerungen zustimmen, so möchte ich Sie fragen: Betrachten Sie es als eine Zufälligkeit, daß Sie als Rind in diese Familie hineingeboren wurden? Gat nicht Gott in dies er Familie, neben Vater, Mutter und Geschwistern Ihnen Ihren .Platz gegeben? Hat er Ihnen durch die Geburt nicht eine Pflicht auferlegt gegenüber Vater, Mutter und Geschwistern? So hat Gott, wenn er Sie in diese religiöse Gemeinschaft hat hineingeboren werden lassen. Ihnen sittliche Pflichten gegenüber der Glaubensgemeinschaft auferlegt. Und wie ein Mensch sichln den Tod hinein schämen würde, seine Familie zu! verlassen oder zu verleugnen, so müssen diejenigen Juden sich in die tiefste Seele hinein schämen, die die große Familie des Judentums, in die uns Gott hineingesetzt hat, verlassen und verleugnen. (Bravorufe! Beifall!) „Seine Religion", heißt es unter Nummer III, „in ihrer Reinheit zu bewahren". Dieses Wort „in seiner Reinheit" ist mit starkem Nachdruck an diese Stelle gesetzt. Denn es gibt Religionen, die dem Judentum seine Existenzberechtigung bestreiten und sagen, wir sind anstelle des Judentums getreten, wir haben alle die großen Gedanken von Gott mrd von Sittlichkeit ausgenommen-, und infolgedessen hat das Judentum seine Existenzberechtigung an uns abgegeben. Demgegenüber steht das Wort: „in seiner Reinheit". Noch ist die reine Gotteslehre des Judentums von keiner Religion der Erde erreicht, viel' weniger überwunden.