Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Are Posener Versammlung — Referat Ar. Selrgmann fassung des Judentums, der im Judentum alles, auch die geschichtlich bedingten Erscheinungsformen, auch die kleinsten traditionellen Bräuche wese ntlich erscheinen. Also das liberale Judentum ist - diejenige Auffassung des Judentums, die das Wesen unterscheidet von der Form und — so schreitet der Gedankengang jetzt weiter — die das Wesen des Judentums erblickt in demjenigen, was im Judentum absolute Menschheitsreligion ist, in demjenigen, was man prophetisches Judentum genannt hat. In unserem ersten Programmentwurf hatten wir nicht diesen Gedanken, sondern das methodische - Prinzip des Liberalismus, den Gedanken der Entwicklung an die Spitze gestellt. Allein der Gedanke der Entwicklung erschien uns nicht positiv genug, und ihm fehlt die gewaltige Werbekraft, die in unserem leitenden Grundsatz liegt. Das höchste und reinste, was unsere Religion und die Religion überhaupt hervorgebracht und zugleich die große Hoffnung Israels, unsere schönste Vergangenheit und unser stolzer Zukunftstranm vereinigen sich rn diesem ersten grundlegenden Satze; Vergangenheit und Zukunft reichen sich in ihm die Hände. Unsere Existenzberechtigung liegt in diesem Satze verankert. Was in den Jahrhunderten des Druckes und der Schmach 'in den letzten Winkel unserer Erinnerung verbannt war, die prophetische Hoffnung der Menschenverbrüderung, die funkelnde Krone und der purpurne Königsmantel der Propheten, wir schmücken uns wieder mit ihnen. Was - der große Jesaja 800 Jahre vor Entstehung des Christentums der Welt geschenkt hat, wir liberale Juden wollen, um die Werbekraft unseres Judentums zu steigern, um unsere Jugend an unser Judentum zu fesseln, diesen glanzvollen großen gewaltigen Weltgedanken stolz und frei an die Spitze . unseres proj gramms stellen. Wir wollen allen, die zu uns kommen, sagen, warum wir Juden sind, warum wir unsere Kinder dem Judentum erhalten müssen. Darum, weil wir überzeugt sind, daß wir in unseren ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten etwas mit uns tragen, das dereinst, in welcher Form es sei, alle Menschen vereinigen wird. Das ist der große werbende Gedanke des Liberalismus, der auf das Menschen- und Völker - verbrüdernde wieder einmal den Hauptakzent legt, und der nach unserer heiligen Ueberzeugung in sich die Kraft trägt, die Teilnahmlosen zu gewinnen, die Schwankenden zu stützen, die Lauen zu entflammen für die heilige Väterreligion. (Lebhascr Beifall.) Wir sprechen in unserem Leitsatz von ewigen Wahrheiten und ewigen sittlichen Grundgeboten. Man könnte einwenden, es gibt für die Wissenschaft nichts Ewiges. Für die Wissenschaft vielleicht nicht, aber wir treiben auch keine Wissenschaft in der Aufstellung unserer Richtlinien, sondern sprechen aus, was unsere Religion ist. Und hier komme ich auf meine. einleitenden prinzipiellen Erörterungen zurück. Wir stehen fest und unerschütterlich auf dem Boden der objektiven Religion, wir erkennen die absolute Autorität der göttlichen Wahrheiten und sittlichen Folgerungen an. Sie sind uns unantastbare Offenbarung, in welchem Sinne auch dieses theologische Wort genommen werden mag. Sie sind uns, wenn ich dieses Wort gebrauchen darf, dogmatische unerläßliche Forderungen. Uns, den Rabbinern, den Vertretern der objektiven Lehre, gelten sie in jedem .Falle als unerläßlich. Mag der einzelne, der als Jude geboren ist, von seinem subjektiven Standpunkt aus, dem einen oder anderen, was wir als unerläßliche Glaubenswahrheiten und als unerläßliche Forderungen aufge- | stellt haben, nicht ganz zustinunen, wir d ü r -