Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 4 (1912)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Are Pofenrr Urrsummlnng - Referat Ar. Seligmann 221 nichts versäumen kann, da ihre berufenen Vertreter es versäumt haben, mit dem veränderten persönlichen religiösen Bedürfnis — nicht mit dem Subjektivismus jedes einzelnen, das ist ein Ding der Unmöglichkeit, aber mit dem Subjektivismus eines Geschlechtes, einer ganzen Zeitperiode Fühlung zu nehmen? Hier, meine geehrten Damen und Herren, scheiden sich die Wege zwischen dem, was man mit Recht zwei verschiedene Weltanschauungen nennt, hier scheiden sich der Standpunkt der Orthodoxie und der Standpunkt des Liberalismus. Die echte Orthodoxie beugt sich, mit Preisgabe ihrer ganzen Subjektivität, ihres persönlichen Verhältnisses zur Religion, ihres subjektiven religiösen Verlangens und Bedürfens, sehr ,oft mit Preisgabe der von Gott gegebenen Vernunft, der absoluten Autorität der Vergangenheit und nennt jedes Suchen Gottes " auf neuen Wegen, jedes Abweichen von der Geschichte, jedes persönliche Begehren, jedes Zusichkommen der Vernunft gegenüber dem. was die Autorität überliefert hat, eine Sünde. Der Liberalismus macht sich, wie es schon der Name besagt, frei von der absoluten Autorität der Vergangenheit und erkennt dem Subjektivismus, ja in diesem Moment sage ich, selbst dem Subjektivismus der einzelnen Persönlichkeit die Berechtigung innerhalb der Religion zu. (Bravorufe!) Aber nicht die Alleinberechtigung; dssnn die Alleinberechtigung des Subjektivismus, mit vollkommener Abwendung von der objektiven Religion, wäre Radikalismus, aber nicht Liberalisinus. (Bravo.) ' Der Liberalismus unterwirft sich nicht der Tyrannei der Geschichte, sondern er macht sich die Geschichte zu seiner -Freundin, um mit ihrer Hilfe von dem Zwang der Geschichte frei zu werden. Der Liberalismus steigt an der Hand der Geschiche und ihrer Wissenschaft hinab zu den psychologischen Motiven und dem tiefen ewigen Sinn aller Religion. So findet der echte Liberalismus durch die Hilfe der Wissenschaft das Wese n der Religion und lernt dadurch^ in der eigenen Religion das Ewige vom vergänglichen, das Bleibende vom wandelbaren und vergänglichen zu unterscheiden. Was in unserer Religion das Siegel des Göttlichen an sich trägt, was Wahrheit geblieben ist durch alle Zeiten und Geschlechter, was die Geister und Herzen der Menschen gewonnen hat und immer wieder aufs neue gewinnt,*) was das Höchste und Beste ist, das als sonniges Zukunftsbild durch die Träwne der Menschen zieht, was von Uranfang diegeschichtliche Bestinunung in sich trug, Weltreligion zu werden: d i e ewigen Wahrheiten und die sittlichen Grundgebote, das ist das Wesen der jüdischen Religion. was hingegen geschichtlicher Ausdruck, äußere Erscheinung und Ausprägung, besondere Gestaltung, sei es des religiösen ^Gedankens, sei es der religiösen Forderung, war und ist, das sieht die liberale Auffassung des Judentums nicht als Weser:, sondern als geschichtlich bedingte Glaubensvorstellung oder als geschichtlich bedingte Erscheinungsform oder, wie es ineist genannt wird, als Zeremonialgebot an. wir müßten demnach Logischer weise das liberale Zudentum definieren als diejenige Auffassung oder Art des Judentums, die das Wesen unterscheidet von der Erscheinung, im Gegensatz zu jener anderen 2luf- *) Das ist der tiefere Sinn des viel zitierten aber meist oberflächlich verstandenen talmudischen Wortes emes chosemo schel hakodosch borucli hu : nicht was von irgend einer Zeit mit dem Siegel des göttlichen versehen wurde, ist Wahrheit, sondern was für alle Zeiten das Siegel der Wahrheit trägt^ ist göttlich.